Gedanken und Auslegungen zu den Evangelien der Sonn- und Feiertage

  • 05. April - Palmsonntag

    In diesem Jahr müssen wir schmerzlich auf die liebgewonnene Form der Feier der KarWoche verzichten, die ja die wichtigsten Feiertage in der Erinnerung an Jesus sind. Eine persönliche Bemerkung: Es trifft mich sehr, denn seit fast vierzig Jahren habe ich diese Woche mit Jugendlichen oder mit Frauen in besonderer Weise begangen; geprägt von Bibelgesprächen und den damit verbundenen Diskussionen wichtiger gesellschaftspolitischer Fragen, gemeinsamen Zeiten beim Essen und Beten, der Stille der Nachtwache, dem Kreuzweg, dem Osterfeuer, der Osterkerze und dem Auferstehungsfest. Das geht nun alles nicht. Aber einiges davon geht doch….

    Ich lade Sie ein, sich mit der einen Hälfte Ihres Herzens in die biblischen Texte zu vertiefen und sie mit neuen Augen zu lesen - und mit der anderen Hälfte Ihres Herzens die Leidenden unserer Welt in die „Leidenswoche“ mitzunehmen… Beginnen wir damit am Palmsonntag, der ja mit der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem verbunden ist.


    Mt 21, 1-17, orientiert an der „Bibel in gerechter Sprache“:

    Als sie in die Nähe Jerusalems kamen, gingen sie nach Bethfage hinein, auf den Ölberg, und Jesus beauftragte zwei aus der Gruppe der Jüngerinnen und Jünger:
    „Geht in das Dorf vor euch. Ihr werdet dort gleich eine angebundene Eselin finden und ein Junges bei ihr. Bindet sie los und führt sie zu mir. Und wenn jemand etwas zu euch sagt, dann sagt, dass der, dem ihr gehört, sie braucht. Und sofort wird man sie ziehen lassen.“
    Das aber ist geschehen, damit das Wort erfüllt wird, das durch den Propheten gesprochen wurde: „Sagt zur Tochter Zion, sieh, dein König kommt zu dir, bescheiden und auf einer Eselin und einem Jungen des Lasttieres.“
    Die beiden gingen los und taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie führten die Eselin und das Junge herbei und breiteten ihre Umhänge über sie aus, und er setzte sich auf sie.
    Die große Volksmenge breitete ihre Umhänge auf dem Weg aus, andere schlugen Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Viele Menschen zogen ihm voran, andere folgten ihm und alle riefen laut:
    „Hilf doch (Hosanna), Gott in den höchsten Himmeln!“
    Und als er nach Jerusalem hineinkam, geriet die ganze Stadt in Aufregung und sagte. „Wer ist er?“
    Die Menschenmenge sagte: „Er ist Jesus, der Prophet, aus Nazareth in Galiläa.“
    Jesus ging in den Tempel und vertrieb alle, die im Tempelbezirk verkauften und kauften, und er warf die Tische der Geldwechsler um und die Stände derer, die Tauben verkauften. Und er sagt zu ihnen: „Es steht geschrieben: Mein Haus wird ein Haus des Gebetes genannt werden. Doch ihr habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.“ Die Blinden und die Gelähmten, die sich im Tempel aufhielten, kamen zu ihm, und er heilte sie. 
    Als die Hohenpriester und die Toragelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel riefen: „Hilf doch (Hosanna), Nachkomme Davids!“ wurden sie ärgerlich und sagten zu ihm: „Hörst du, was sie rufen?“ 
    Jesus antwortete: „Ja, habt ihr niemals gelesen: Aus dem Munde von Unmündigen und Säuglingen schaffst du dir Lob?“ Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt heraus nach Bethanien und übernachtete dort. 


    Kontextuelle Auslegung: 

    Der Evangelist Matthäus hält sich bei der Erzählung des Einzuges Jesu nach Jerusalem an die Vorlage, die er hat: Das Markusevangelium. Das erzählt ja – noch geprägt von den schrecklichen Gewalterfahrungen des jüdischen Krieges - den Weg Jesu und seiner Gruppe von Galiläa kommend nach Jerusalem parallel zu den Truppenbewegungen des römischen Feldherrn Vespasian. Hier die Blutspur von Mord, Vergewaltigung, Brandschatzung und Verwüstung – die Jesusbewegung dagegen ein neuer Weg von Aufrichtung, Mitleid, Heilung, Gewaltlosigkeit, geteiltem Brot und Solidarität. Und endlich kommt Jesus mit seiner Gruppe in Jerusalem an, dem Zentrum der politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Macht. Dass es hier krachen muss, ist vorprogrammiert.

    Da Matthäus rund 20 Jahre später schreibt als Markus, ist die Trauer um die Totalzerstörung der Stadt Jerusalem und des religiösen Mittelpunkts, dem Tempel, nicht mehr so brennend zu spüren. Dafür fragt Matthäus stärker nach, wer das Unheil verschuldet hat. Seine Antworten, die immer in der Gefahr sind, antijudaistisch ausgelegt zu werden, sind: Der interne Machtkampf der jüdischen Aufständischen, der am Schluss sogar im Tempel selbst gewalttätig ausgetragen wurde; der Fehler, Jesus nicht als Messias erkannt zu haben; die Korruption der Tempelherren, es war eine Strafe Gottes…Da kommt bei Matthäus einiges zusammen, das den Auseinandersetzungen der damaligen Zeit geschuldet ist. Wir müssen das heute kritisch lesen, um nicht wieder in die Falle des Antijudaismus zu tappen.

    Im zeitlichen Abstand erkennt man die Entscheidungsfehler in der Politik, die Warnungen, die in den Wind geschlagen wurden, das Hören auf falsche Ratgeber, das Nachgeben bei bestimmten Interessen immer besser – das ist bis heute so. Da muss man mit seinem späteren Urteil sehr vorsichtig sein. Aber diese Erkenntnis sollte wachsamer machen für die Gegenwart…

    Auch wir spüren in der Corona-Krise deutlicher, wo politische Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden, z.B. in den Einsparungen im Gesundheitswesen oder im Unwillen, die Geflüchteten auf den griechischen Inseln in Sicherheit zu bringen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Welche großen sozialen Verwerfungen unser System beinhaltet, verdeutlicht die Pandemie wie in einem Brennglas: Die Armen, Obdachlosen, Wanderarbeiter tragen in allen Ländern das größte Risiko, während hier in unserem gut versorgten Land Vertreter der Wirtschaft nicht abwarten können, bis alles so weitergeht wie bisher….Daraus die richtigen Schlüsse für Gegenwart und Zukunft zu ziehen, wird unsere größte nächste Aufgabe sein.

    Zurück zum Text. 
    Wir wissen nicht, ob sich der Einzug Jesu in Jerusalem so zugetragen hat, wie die Evangelisten ihn erzählen, als Hoffnungs- und Protestzug der kleinen Leute. Aber eines kann diese Geschichte verdeutlichen: Wie groß ihre Sehnsucht nach Veränderung der Zustände war, die sie als Hoffnung auf Jesus übertrugen. Sie rufen Hosanna, streuen Grünzeug auf die Erde und lassen den Esel mit Jesus über ausgebreitete Kleider gehen. Und nennen Jesus Nachkomme Davids, womit sie die Hoffnung verbinden, er möge als Messias das Königreich Davids wieder errichten. Aber die Idee vom Königreich David war für Jesus Schnee von gestern – die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Zudem kann man sich den Gegensatz zwischen David und Jesus kaum größer vorstellen: David hatte seine Feinde mit militärischer Gewalt unterworfen und zusätzlich mit einer fragwürdigen Ehepolitik seine Macht begründet. Er saß sozusagen auf dem Schlachtross und Jesus auf einem Esel, um im Bild unseres Textes zu bleiben. Wie es aussieht, gibt die Geschichte ganz gut wieder, wie wenig das Volk von Jesus verstanden hatte. 

    Da sitzt er, eingeklemmt zwischen den Rufenden, die ihm vorausziehen, und der Volksmenge, die hinterherdrängt. Sie vereinnahmen ihn,  drücken ihm ihren Stempel auf. Hat Jesus sich im Volk geirrt? Kann es ihm jetzt noch gelingen, diese Menschen für das zu gewinnen, worum es ihm wirklich ging: Die Veränderung der Verhältnisse, die tief in die Menschen selbst eingreift, weil sie eine neue, geschwisterliche Form von Gemeinschaft aufbauen will – und eben nicht ein Reich unter einem starken Mann. Nach seiner Vorstellung soll Religion nicht benutzt werden, um Macht zu zementieren; das ist seine Hauptkritik am Tempel und seiner Geschäftigkeit.

    Folgerichtig führen ihn seine ersten Schritte in dieses Zentrum der Macht und dort randaliert er, so muss man das heute wohl sagen. Dabei gelangt er nur in einen der Vorhöfe, wo sich viele Leute einfinden, die ihre Opfergaben kaufen oder ihr Geld für den Kauf der Opfergaben tauschen. Der Innenbezirk des Tempels ist streng bewacht, denn hier haben nur die Priester Zutritt und hier wird viel Gold und Geld aufbewahrt. Der tyrische Schekel, der für die Opfer eingetauscht werden muss, ist eine eigene Prägung des Tempels mit besonders hohem Silbergehalt. Beim Umtausch wurde eine Sondergebühr fällig, die der Tempelverwaltung zu Gute kam. Die Reichen der Stadt Jerusalem nutzten den Tempel als Staatsbank; kurz vor dem Aufstand im Jahr 66 brachten sie dort sogar ihre wertvollsten Besitztümer unter. Als der Tempel von den Römern geplündert wurde, konnte der römische Kaiser mit dem Geld das Colosseum bauen, das heute noch in Rom zu besichtigen ist…

    Jesus, der grundsätzlich – nicht nur hier - skeptisch gegenüber Geldgeschäften ist, nennt den Tempel eine Räuberhöhle. Eine Räuberhöhle ist ja nicht der Ort, an dem geraubt wird, sondern der sichere Ort, an den die Räuber sich zurückziehen, um ihre Beute zu teilen. Mit dem Wort spielt das Evangelium auf eine Kritik an, die schon der Prophet Jeremia an der Tempelaristokratie geübt hat, an ihrem Lebenswandel, bevor sie sich wieder im Tempel zu Gottesdienst und Opfer versammeln:

    „Stehlen, töten und ehebrechen und falsch schwören 
    und dem Baal Rauchopfer darbringen
    Und anderen Göttern nachlaufen, die ihr nicht kennt!
    und dann kommt ihr und tretet vor mich in dieses Haus,
    über dem mein Name ausgerufen ist,
    und sprecht: „Wir sind gerettet!“, 
    um all diese Abscheulichkeiten zu begehen!
    Ist denn dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist,
    in euren Augen eine Räuberhöhle geworden?
    Auch ich, seht, ich habe es gesehen! Spruch des Herrn." (Jer 7,9-11)

    Der Lesungstext des Palmsonntags gibt dagegen wieder, in welcher Weise Jesus den Menschen nahe war; das Hoffnungslied der kleinen Jesusgruppe um Lydia, die Purpurfärberin aus Philippi, ist noch erhalten geblieben: 

    Lesungstext Phil 2,5-11

    Euer Verhältnis zueinander soll der Gemeinschaft mit Jesus Christus entsprechen.
    „Christus, göttlich wie Gott, betrachtete sein Gottsein nicht als Raub für sich selbst.
    Er legte es ab, nahm die Gestalt eines Sklaven an und wurde Mensch wie wir.
    Als Mensch hat er sich selbst erniedrigt. 
    Er war Gott treu bis zum Tod, bis zum Sklaventod am Kreuz.
    Deshalb hat Gott ihn erhöht und ihm einen Namen über allen Namen gegeben.
    Wo sein Name genannt wird, sollen alle Knie sich beugen im Himmel, 
    auf der Erde und unter der Erde und jeder Mund soll bekennen: 
    Herr ist Jesus Christus, zur Ehre Gottes, des Vaters.“   (neue Übersetzung) 

    Untersucht man den Text genauer, kommen alle wichtigen Lobhudeleien vor, die man damals dem Kaiser singen musste, wenn mal wieder ein Fest für ihn anstand; und das war in Philippi zwölf Mal im Jahr! So gehörte sich das, wenn man den Treue-Eid auf den Kaiser schwor, eine Art Glaubensbekenntnis zu ihm, den mächtigen Herrn ober und unter der Erde, vor dem jedes Knie sich beugen sollte, weil er als der Herr, der Kyrios des Weltkreises gelten wollte… Parallelen zur Selbstüberschätzung heutiger mächtiger Männer sind sicher nur ein Zufall…

    Der Zynismus dieser in Philippi besonders gepflegten Kaiserverehrung muss die kleine Jesusgruppe mächtig gefuchst haben. Wie sonst wären sie auf die Idee gekommen, diese Verse umzudrehen und auf Jesus anzuwenden? Dabei verwenden sie zu Beginn den Spitznamen, den der Volksmund hinter vorgehaltener Hand dem Kaiser gab: Räuber – harpagmos. Jesus, so singen sie, war kein harpagmos – kein Räuber, wie der römische Kaiser…

    Er war ein Mensch wie wir, wurde Opfer des Systems und Sklave wie wir, und ist mit uns durch sein Mitleiden verbunden, so singen sie. Das zu wissen, nimmt uns die Angst und gibt uns unsere Würde zurück. Das richtet uns auf in unserem Leiden und macht uns stark. 

    Nein, dieser Jesus ist nicht „systemrelevant“, um ein Wort aus der aktuellen Auseinandersetzung zu gebrauchen. Er war es damals nicht und ist es heute immer noch nicht…

    Jesus ist inmitten der Wanderarbeiter, die im wirtschaftlichen Stillstand in Neu Delhi überflüssig werden und nicht mehr aus noch ein wissen; Jesus ist in den Hütten Ruandas, wohin jetzt der Hunger kommt; Jesus ist an der Seite der Kinder und Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind; Jesus ist neben den Pflegebetten in den Seniorenheimen, inmitten der Menschen voll Angst und Wehrlosigkeit; Jesus ist inmitten der im Stich gelassenen Kinder und Jugendlichen unter den Plastikplanen auf Lesbos…

    Zu ihm lasst uns rufen und bitten um das, was wir jetzt brauchen: 

    Dass wir auf die öffentlich gebrauchte Sprache achten, die anfängt zu unterscheiden zwischen nützlichen und unnützen Menschen – und ihr zu widersprechen – darum bitten wir. 

    Dass wir uns in Acht nehmen davor, dass mit dieser Sprache nicht auch unsere Denk- und Sprechweise geprägt wird – darum bitten wir. 

    Dass wir dem misstrauen, was allzu plausibel und leicht begründbar daherkommt: Die Kontrolle unserer privaten Wege, das Absprechen eigener Verantwortungsfähigkeit – darum bitten wir.

    Dass uns die Verzweiflung nicht überkommt angesichts der Flut an schlimmen Nachrichten und der Gnadenlosigkeit des Marktes – darum bitten wir.

    Dass wir das wenige tun, was wir können: unsere Erkenntnisse dieser Zeit dokumentieren, gemeinsame Vorhaben vor dem Vergessen bewahren, unseren Veränderungswillen retten – darum bitten wir.

    Mit den letzten Worten der heiligen Schrift rufen wir: Maranatha, komm, Herr Jesus! 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 29. März 2020 - 5. Fastensonntag

    Joh 11,1-54   Die Auferweckung des Lazarus 

    Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Einschränkungen durch die Corona-Krise: Die einen freuen sich, endlich mal zur Ruhe zu kommen oder Zeit für Familie zu haben, andere kommen mit der Einsamkeit nicht so gut zurecht. Vermutlich gibt es auch Menschen, die sich jetzt wie lebendig begraben vorkommen, wo sie ihre Wohnung nur noch selten verlassen können. Andere drücken Existenzängste oder die ungewisse Zukunft darnieder. Da ist es wichtig, sich einer Hoffnungssprache zu erinnern, die die Kraft hat, zu ermutigen und aufzurichten, ja sogar Totgeglaubtes aus dem Grab herauszurufen und wieder zum Leben zu erwecken. 

    Wir müssen dafür den Text des Johannes über die Auferweckung des Lazarus sehr genau lesen, deshalb kommt er hier in einer sehr sorgfältigen Übersetzung orientiert an der von Ton Veerkamp:

    „Einer war krank, Lazarus von Bethanien,
    aus dem Dorf Marias und Marthas, ihrer Schwester.
    Es war jene Maria, die salbte mit Balsam den Herrn, 
    trocknete seine Füße mit ihren Haaren, 
    ihr Bruder Lazarus war krank.
    Die Schwestern sandten nun zu ihm, ließen sagen:
    „Herr, sieh: der, mit dem du befreundet bist, ist krank.“
    Als Jesus es hörte, sagte er:
    „Diese Erkrankung ist nicht zum Tode,
    sondern wegen der Ehre Gottes,
    damit durch sie der Sohn Gottes geehrt wird.“
    Jesus war Martha, ihrer Schwester und Lazarus solidarisch verbunden.
    Als er nun hörte, dass er krank war, 
    blieb er am Ort, wo er war, zwei Tage.
    Danach sagte er zu seinen Schülern:
    „Wir wollen noch einmal nach Judäa gehen.“
    Die Schüler sagten zu ihm: „Rabbi,
    gerade versuchten die Judäer dich zu steinigen,
    und du gehst doch wieder dorthin!“
    Jesus antwortete: „Gibt es nicht zwölf Stunden am Tag?
    Wenn einer seinen Gang tagsüber geht, strauchelt er nicht,
    da er ja das Licht dieser Welt sieht.
    Wenn er in der Nacht seinen Gang geht, strauchelt er,
    weil das Licht nicht in ihm ist.“
    Das sagte er und danach sagte er zu ihnen:
    „Lazarus, unser Freund, hat sich hingelegt.
    Aber ich gehe hin, damit ich ihn dem Schlaf entreiße.“
    Die Schüler sagten: „Herr,
    wenn er sich hingelegt hat, wird er befreit werden.“
    Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen,
    jene dagegen meinten, er habe von „Hinlegen zum Schlaf“ geredet.
    Dann aber sagte Jesus offen zu ihnen:
    „Lazarus ist gestorben.
    Aber ich freue mich euretwegen, dass ich nicht da war,
    damit ihr vertraut; gehen wir also zu ihm.“
    Nun sagte Thomas – Didymos, Zwilling genannt – zu den Mitschülern:
    „Gehen auch wir, damit wir mit ihm sterben.“
    Also ging Jesus und befand, dass er schon vier Tage im Grab war.
    Nun war Bethanien in der Nähe von Jerusalem, ungefähr fünfzehn Stadien.
    Und viele Judäer waren zu Martha und Maria gekommen,
    ihnen Trost zuzusprechen, des Bruders wegen. 
    Sobald Martha aber hörte, Jesus sei gekommen, ging sie ihm entgegen.
    Maria blieb aber zu Hause sitzen.
    Nun sagte Martha zu Jesus:
    „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.
    Aber auch jetzt weiß ich:
    Was immer du Gott fragst, Gott wird des dir geben.“ 
    Jesus sagte zu ihr:
    „Dein Bruder wird auferstehen.“
    Martha sagte zu ihm: „Ich weiß, dass er auferstehen wird,
    mit der Auferstehung am Tag der Entscheidung.“
    Jesus sagte zu ihr:
    „Ich werde da sein: Die Auferstehung und das Leben.
    Wer mir vertraut, wird leben, auch wenn er stirbt.
    Und jeder, der lebt und mir vertraut,
    wird bis zu kommenden Weltzeit nicht sterben.
    Vertraust du darauf?“
    Sie sagt zu ihm: „Ja, Herr, ich will vertrauen,
    ich habe darauf vertraut, dass du es bist: der Messias,
    der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“
    Als sie das gesagt hatte, ging sie weg,
    sie rief Mariam, ihre Schwester, und sagte heimlich:
    „Der Lehrer ist angekommen und ruft dich.“
    Diese nun hörte es, stand eilig auf und ging zu ihm.
    Aber noch war Jesus nicht in das Dorf gekommen,
    er war noch an dem Ort, wo Martha ihm begegnet war.
    Die Judäer nun, die bei ihr waren und ihr Trost zugesprochen hatten,
    sahen, dass Mariam schnell aufgestanden und weggegangen war.
    Sie folgten ihr in der Meinung,
    sie ginge hinüber zum Grab, um dort zu weinen.
    Als nun Mariam dort ankam, wo Jesus war, sah sie ihn,
    fiel ihm zu Füßen und sagte zu ihm:
    „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“
    Als nun Jesus sah, dass sie weinte,
    dass die Judäer, die mit ihr gekommen waren, weinten,
    schnaubte er vor Wut, sehr, er war ganz entsetzt.
    Er sagte: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“
    Sie sagten ihm: „Herr, komme und sieh.“
    Jesus weinte. 
    Die Judäer nun sagten: 
    „Sieh, wie tief er mit ihm befreundet war.“
    Einige von ihnen sagten: 
    „Konnte der, der die Augen des Blinden öffnete,
    nicht machen, dass jener nicht starb?“
    Jesus selbst schnaubte wieder vor Wut, als er zum Grab ging.
    Es war eine Höhle, vor sie hatte man einen Stein gesetzt.
    Jesus sagt: „Hebt den Stein weg.“
    Die Schwester des Gestorbenen, Martha, sagt zu ihm:
    „Er stinkt schon, es ist der vierte Tag!“
    Sagt Jesus zu ihr: „Sagte ich nicht: 
    Wenn du vertraust, wirst du die Ehre Gottes sehen?“
    Sie hoben den Stein weg.
    Jesus aber erhob seine Augen aufwärts, er sagte:
    „Vater, ich danke dir, dass du auf mich gehört hast;
    ich wusste aber, dass du immer auf mich hörst,
    aber wegen der herumstehenden Menge habe ich es gesagt,
    damit sie vertrauen, dass du mich gesandt hast.“
    Als er das gesagt hatte, schrie er mit großer Stimme:
    „Lazarus, komm heraus!“
    Der Gestorbene kam heraus, an Händen und Füßen gewickelt,
    das Gesicht war umwickelt mit einem Schweißtuch.
    Jesus sagt zu ihnen:
    „Macht ihn frei und lasst ihn weggehen.“
    Viele der Judäer, die zu Mariam gekommen waren und 
    beobachtet hatten, was er getan hatte,
    vertrauten ihm. 
    Einige von ihnen aber gingen zu den Peruschim (Pharisäern),
    sie sagten ihnen, was Jesus gemacht hatte.
    Die führenden Priester und Peruschim versammelten sich im Sanhedrin,
    sie sagten: „Was machen wir?
    Dieser Mensch tut viele Zeichen!
    Wenn wir ihn so gewähren lassen, werden alle ihm vertrauen;
    Dann kommen die Römer, 
    sie werden uns die Stätte und die Nation wegnehmen.“
    Einer aber, ein gewisser Kaiphas, Hohepriester jenes Jahres,
    sagte zu ihnen:
    „Ich wisst gar nichts.
    Ihr bedenkt nicht, dass es in eurem Interesse ist,
    wenn ein Mensch zugunsten des Volkes stirbt,
    damit nicht die ganze Nation zugrunde geht.“
    Das sagte er nicht von sich selber aus,
    sondern als Hohepriester jenes Jahres kündigte er an,
    dass Jesus für die Nation sterben sollte.
    Nicht aber für die Nation,
    sondern dafür, dass er alle auseinandergejagten Gottgeborenen
    zusammenführe in eins.
    Ab diesem Tag also stand der Beschluss fest, ihn umzubringen.
    Jesus ging nun nicht länger öffentlich seinen Gang unter den Judäern,
    sondern ging von dort weg zu einer Gegend in der Nähe der Wüste,
    zu einer Stadt, Ephraim genannt.
    Dort verblieb er, mit seinen Schülern. 

    (nach: Ton Veerkamp: Das Evangelium des Johannes, Dortmund 2015)


    Kontextuelle Auslegung: 

    Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus beginnt damit, dass Jesus jenseits des Jordans ist, als er von Lazarus hört. Jenseits des Jordans hat Mose seine Abschiedsrede gehalten mit Blick auf das Land der Befreiung, von hier kam der große Prophet Elia, hier wurde Jesus durch die Taufe als Messias bestätigt. Eine theologische Ortsangabe also, keine kartographische. Hier fing alles an.

    Auch die Wahl der Namen in dieser Geschichte sind wohlüberlegt: Lazarus - hebr. Eleasar, so hieß der Sohn und Nachfolger Aarons – steht für die führende Schicht des Volkes; der Name bedeutet „Gott hilft“. Mariam und Martha spielten in der ersten Jesusbewegung eine große Rolle; neben Petrus spricht Martha das große Bekenntnis zu Jesus als Messias. Aber das ist lange her, als Johannes sein Evangelium für seine verzweifelte Jesusgruppe schreibt, die sich im Konflikt mit ihrer jüdischen Gemeinde befindet.

    Und so geht es auch nicht um die Rettung eines einzelnen Lebens in dieser Geschichte, sondern um das Leben des ganzen Volkes Israel, wenn Jesus Lazarus aus dem Grab ruft und die Trauer beendet. Das Volk ist tot, in einem Grab gefangen, es braucht Gottes Hilfe. Es ist blind, so lange es in Jesus nicht den Messias sieht. In dieser Nacht ohne das Licht des Messias stolpert es hilflos herum und kann nichts tun. Wenn es in dieser Weltordnung überhaupt einen Lichtblick gibt, dann ist es der Messias, der aus Lähmung und Tod befreien kann. Jesus ist ein Freund des Lazarus, das sagen alle in dieser Geschichte; ein Freund Israels also, kein Gegner, wie wir das Jahrhunderte lang gehört haben in der antijudaistischen Tradition unserer Kirche…

    Über die Situation seines Volkes lässt dieser Jesus keine Illusionen aufkommen: Das Volk ist nicht vorübergehend eingeschlafen oder krank, es ist tot. Der römische Krieg mit seinen noch immer spürbaren Folgen hat es ermordet. So ähnlich hat es auch der Prophet Ezechiel nach der Zerstörung des ersten Tempels beschrieben, das ist die Lesung von heute. Wie der Messias aus dem Grab auferstehen wird, so wird es auch das Volk,  wenn -  ja wenn es auf diesen Messias vertraut. 

    In meinen Ohren klingt der Satz der Martha „Herr, er stinkt schon“ fast kabarettistisch. Die Sache stinkt zum Himmel; der Krieg und die Korruption der damaligen Eliten des Landes – da sind viele Leichen im Keller der politisch Verantwortlichen, die nicht beerdigt bleiben wollen! Und dass schon vier Tage und nicht die üblichen drei vergangen sind, ist auch ein sprachliches Mittel des Johannes: Ist es nicht schon zu spät? Eine Auferstehung muss doch am dritten Tage stattfinden… 

    Jesus ruft mit lauter Stimme – phonè  megalè  (Megaphon!) - den Toten aus dem Grab. Genau so wird er im Markusevangelium am Kreuz rufen; es ist ein Schrei nach Rettung und Befreiung, Protest und Hilferuf. Dieser Schrei ist aber auch seine Stimme, die zu hören ist, sein Ruf, der zu uns dringt. Er muss anscheinend laut sein, damit er wirklich gehört wird….

    Alle Gefühle und Einstellungen kommen im Evangelium vor, die unsere Medien  täglich liefern: Schrecken und Trauer, Mitgefühl und Hilflosigkeit, Bewegungslosigkeit, Protest – aber auch das sich ergebende Weinen, das Gefühl, dem Tod ohnmächtig ausgeliefert zu sein und Tränen des Zorns, bei Jesus. 

    Die Auferweckung, die erzählt wird, trifft nicht auf ungeteilte Zustimmung. Im Gegenteil: Sie polarisiert. Die einen werden zu Anhängern Jesu, die anderen spüren, dass von dieser Kraft Jesu eine Gefahr ausgeht für ihr Machtgefüge. 

    Und so hören wir auch von Kälte und Kalkül bei den Mächtigen: Um ihr Arrangement mit den römischen Besatzern und die eigene Macht zu retten, argumentiert der Hohepriester mit der Rettung des Volkes. Seine Sprache aber entlarvt ihn: Er sagt nicht Volk (in Griechischen laos), sondern Nation (ethne). Es geht ihm nicht um die Rettung des Lebens, sondern um den Erhalt der Macht, die ihm Rom als Besatzungsmacht noch gelassen hat. Diesem Machtpolitiker ist das Leben der Menschen höchstens am Rande wichtig, um das Leben kann notfalls auch geschachert werden.

    Lebensrettung,  Ruf aus dem Tod, Auferstehung ist die Überzeugung derer, die in Opposition zu Rom stehen. Das sind die frommen Pharisäer, andere kleine Gruppen und  die Jesusbewegung im damaligen Judentum. In dieser Tradition stehen wir: Auferstehungshoffnung als Protest gegen den Tod, der Menschen durch verfehlte Politik zugefügt wird. So sagt es auch Paulus: Wenn wir den Geist Jesu in uns haben, können wir gegen alle Tode aufstehen.

    Wir können die Menschen, die durch das Virus gestorben sind, nicht mehr lebendig machen. Aber wir müssen fragen, wo unter dem Druck der Profitmaximierung an der medizinischen Versorgung gespart wurde, an Krankenhäusern, an der Entlohnung des Pflegepersonals. Das sind Auferstehungsfragen, die wir stellen müssen, um den Todesweg des Geldes zu stoppen. Nach dieser Krise werden sich diese Fragen leichter stellen lassen, sie werden vermutlich mehr Gehör finden als vorher.

    Auferstehung, das ist die Hoffnung, dass es nicht zu spät ist für die Chance zum Leben; sie ist der Ruf aus den vielfältigen Gräbern, die sich um uns herum aufgebaut haben. Dazu gehören auch die Gräber, in denen gute Ideen und Alternativen zugeschaufelt wurden aus Resignation und Interesselosigkeit oder Machtkalkül.…Was müssten wir nicht längst aus dem Grab holen:

    Die vielen Vorschläge zu einer Wirtschaftsordnung jenseits des Kapitalismus, die Ideen zu einer anderen Verkehrspolitik, die dem Auto endlich den Kampf ansagt, die Ideen zu Plastik- und Müllvermeidung und und und…

    Nur nebenbei: Wer eine feine Nase hat, merkt, dass zurzeit durch weniger Autoverkehr und Flugzeuge am Himmel die Luft wieder sauberer wird; diese Erfahrung sollten wir nicht vergessen. 

    Höchste Zeit auch, dass wir die befreienden und feministischen Theologien aus dem Grab holen, in das die konservativen Kräfte der Kirche sie gesteckt haben! Davon würde die Veränderung und Auferstehung ausgehen, die die Kirche dringend braucht. Auferstehung ist eine gefährliche Sache, jedenfalls für diejenigen, die an den bestehenden Machtverhältnissen festhalten wollen. 

    Die Macht der Auferstehung bricht schon in das Leben jetzt ein, deshalb ist diese Auferstehungsgeschichte vor der Hinrichtung Jesu erzählt, mitten in seinem Leben. Diese Kraft lässt die herrschenden Machtgefüge nicht gelten. Sie liebt das Leben so sehr, dass sie sogar an der natürlichen Gesetzmäßigkeit rüttelt, dass die Menschen sterben müssen…Wer an diese Lebenskraft glaubt, will Hungertode und Kriegstode, Tode durch Verseuchung, Flucht und Gewalt und auch den Tod guter Ideen verhindern – und arbeitet daran mit. 


    Bitten: 

    Martha spricht ihr Glaubensbekenntnis zum Messias noch vor der Auferweckung ihres Bruders. Ihr Glaube ist nicht auf einen Beweis durch die Tat angewiesen, ihr genügt zur Hoffnung das Wort Jesu. Damit organisiert sie die Hoffnung neu und setzt die Auferweckung in Gang. Menschen wie Martha wollen wir sein; deshalb bitten wir: 

    Dass wir in der schweren Zeit, durch die wir gehen, die Hoffnung nicht verlieren, sondern als innere Kraft aufrechterhalten – darum bitten wir.

    Dass wir an der Hoffnung und am freien Blick derer mitarbeiten, die nur noch Angst und Dunkelheit empfinden – darum bitten wir. 

    Die schrecklichen Bilder und Tatsachen vor Augen, die die Pandemie vor allem in Italien angerichtet hat, bitten wir für diese armen Toten – dass sie bei Dir sind, Gott des Lebens, ganz nah bei Dir – darum bitten wir.

    Wir denken an diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben und denen der Trost einer gemeinschaftlichen Trauer fehlt; dass die Zeit der erleichterten Herzen wiederkommt – darum bitten wir.

    Die auferlegten Einschränkungen des sozialen Lebens könnten zu Fatalismus und Schicksalsergebenheit führen. Dass in dieser Zeit unser Geist nicht einschläft, sondern sich nährt und stärkt für die Momente, in denen er wieder gebraucht wird – darum bitten wir.

    So setzen wir die Auferweckung in Gang, entfachen die Hoffnung neu und gehen Deinen Weg, Gott des Lebens. Amen 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 22. März 2020 - 4. Fastensonntag

    Johannes 9, 1-41   Die Heilung eines Blindgeborenen

    Dass Jesus an einem Sabbat heilt, kommt oft im Johannesevangelium vor. Das ist die Theologie des Johannes: Gott kann noch nicht Feierabend machen und sich zur Feiertagsruhe am 7. Tag begeben; für Gott gibt es keinen Sonntag, so lange noch ein Mensch leidet und die Welt noch nicht zum Guten vollendet ist….eine gute Anregung, über unser Sonntagsverständnis nachzudenken ...

    Wir lesen die Langfassung des vorgesehenen Evangeliums denn nur sie bewahrt davor, dass wir Johannes nicht missverstehen.

    Der biblische Text, übersetzt von Ton Veerkamp:

    Im Vorübergehen sah er einen Menschen, blind von Geburt her. 
    Die Schüler befragten ihn, sie sagten:
    „Rabbi, wer ging in die Irre, er oder seine Eltern,
    dass er blind geboren wurde?“
    Jeschua antwortete:
    „Weder er noch die Eltern gingen in die Irre.
    Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.
    Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich geschickt hat, bis Tag geschieht.
    Kommt Nacht, dann kann niemand wirken.
    Solange ich in der Welt bin, 
    bin ich das Licht der Welt.“
    Als er das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden,
    er machte Schlamm aus Speichel
    und salbte mit dem Schlamm seine Augen.
    Er sagte ihm:
    „Geh und wasche dich im Teich Siloam – 
    Übersetzt: Abgesandter.
    Er ging also weg, wusch sich,
    und er kam – sehend!
    Die Nachbarn aber
    und die, die ihn früher beim Betteln beobachtet hatten, sagten:
    „Ist das nicht der, der herumsaß und bettelte?“
    Andere sagten. „Er ist es.“
    Wiederum andere sagten:
    „Nein, er ist ihm bloß ähnlich.“
    Er sagte: „ich bin es!“
    Sie sagten also zu ihm:
    „Wie hat man dir die Augen geöffnet?“
    Er antwortete:
    „Ein Mensch, der Jeschua genannt wird, machte Schlamm,
    salbte damit meine Augen und sagte mir,
    ich solle hingehen zum Siloam und mich waschen; 
    ich ging also weg, wusch mich,
    und auf einmal sah ich.“
    Und sie sagten ihm: „Wo ist der?“
    Er sagte: „Ich weiß es nicht.“
    Sie brachten den früheren Blinden zu den Peruschim (Pharisäern).
    Es war Schabbat,
    genau an dem Tag, wo Jeschua Schlamm machte und seine Augen öffnete.
    Nun befragen ihn auch die Peruschim,
    wieso er auf einmal sehen könne.
    Er sagte zu ihnen: 
    „Schlamm legte er auf meine Augen,
    ich wusch mich und ich sehe!“
    Einige der Peruschim sagten: 
    „Das ist kein von Gott beauftragter Mensch,
    denn er wahrt den Schabbat nicht.“
    Andere dagegen sagten: 
    „Wie kann ein Mensch der Verirrung solche Zeichen tun?“
    Spaltung entstand unter ihnen.
    Sie sagten wieder zu dem Blinden:
    „Was sagst du denn über ihn, wo er dir doch die Augen öffnete?“
    Er sagte: „Er ist ein Prophet.“
    Nun trauten es ihm die Jehudim (Juden) nicht zu,
    dass er blind gewesen war und auf einmal sah.
    So ließen sie die Eltern dessen, der auf einmal sehen konnte, rufen.
    Sie befragten sie, sie sagten:
    „Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde.
    Wie er denn jetzt sehen kann, das wissen wir nicht,
    wer ihm die Augen öffnete, wir wissen es nicht.
    Befragt ihn selbst, er ist erwachsen,
    er mag für sich selbst reden.“
    Das sagten seine Eltern, weil sie die Jehudim fürchteten.
    Denn schon hatten die Jehudim untereinander abgemacht
    Wer sich zu ihm als Messias bekennt,
    soll zu einem ohne Synagoge werden.
    Deswegen hatten seine Eltern gesagt:
    „Er ist erwachsen, befragt ihn selber."
    Sie riefen nun den Menschen, der blind war, zum zweiten Mal,
    sie sagten zu ihm:
    „Gib Gott die Ehre, wir wissen, dass dieser ein verirrter Mensch ist.“
    Er sagte: „Ob er ein Verirrter ist, weiß ich nicht,
    eins weiß ich: Ich war blind und jetzt sehe ich.“
    Nun sagten sie zu ihm: 
    „Was hat er noch mal mit dir gemacht, wie öffnete er dir die Augen?“
    Er antwortete ihnen:
    „Hab ich euch schon gesagt, aber ihr hört nicht zu.
    Was wollt ihr denn noch hören, wollt ihr etwa auch seine Schüler werden?“
    Und sie beschimpften ihn, sie sagten:
    „Du bist Schüler von dem da, wir aber sind die Schüler des Mosche (Mose).
    Wir wissen, das Gott zu Mosche geredet hat,
    von dem wissen wir nicht, woher er ist.“
    Der Mensch antwortete, er sagte ihnen:
    „Ein Ding ist aber merkwürdig, 
    dass ihr nicht wisst, woher er ist, wo er mir doch die Augen öffnete.
    Wir wissen, dass Gott auf Verirrte nicht hört,
    aber wenn einer Ehrfurcht vor Gott hat und seinen Willen tut,
    auf den hört er.
    Von Weltzeit her hat man nicht gehört,
    dass jemand einem blind Geborenen die Augen öffnete.
    Wenn dieser nicht von Gott beauftragt wäre,
    hätte er nichts tun können.“
    Sie antworteten und sagten zu ihm:
    „Du bist ganz und gar eine Fehlgeburt, und du belehrst uns?“
    Und sie warfen ihn hinaus.
    Jeschua hörte, dass sie ihn hinausgeworfen hatten;
    er fand ihn und sagte:
    „Du, vertraust du dem bar enosch, dem Menschensohn?“
    Jener antwortete und sagte:
    „Und wer ist es, Herr, dass ich ihm vertraue?“
    Jeschua sagte zu ihm: „Du hast ihn gesehen, und er redet mit dir, der ist es.“
    Er erklärt: „Ich vertraue, Herr.“ 
    Und er verneigte sich vor ihm.
    Und Jeschua sagte:
    „Zum Gericht bin ich in diese Weltordnung gekommen,
    damit die nicht Sehenden sehen,
    und die Sehenden zu Blinden werden.“
    Einige von den Peruschim, die mit ihm waren, hörten es und sagten:
    „Sind wir etwa auch blind?“
    Jeschua sagte ihnen:
    „wenn ihr blind wärt, würdet ihr euch nicht verirren.
    Jetzt aber sagt ihr: „Wir sehen.“
    Eure Verirrung bleibt.

    (Quelle: Ton Veerkamp: Das Evangelium des Johannes, Dortmund 2015)

    Kontextuelle Auslegung: 

    Der Glaube an Gott, der es gut mit den Menschen meint, ist im Lauf der Jahrtausende durch viele Ereignisse erschüttert und in Frage gestellt worden. Nicht erst die Corona-Krise mit ihren Begleiterscheinungen von Angst und Überforderung lässt Fragen grundsätzlicher Art in den Menschen aufkommen. Wir fragen: Wo bleibt die Güte Gottes, wenn uns eine so lebens- und gemeinschaftsbedrohliche Krankheit treffen kann? Wie bewahre wir in all der Sorge um die Bewältigung des Alltags, in den täglich sich jagenden Nachrichten und Zahlen die Zuversicht eines Glaubens an Gott? 

    Als Johannes sein Evangelium für seine Gemeinde schreibt, sind große Erschütterungen der Glaubensgewissheiten im Gange. Die Juden und Jüdinnen fragten sich: Wo war Gott, als der schreckliche Krieg mit Aushungern und entsetzlicher Gewalt unser religiöses Zentrum in Jerusalem vernichtet hat? Wie können wir weiterhin an einen Gott glauben, wo doch  sein Volk in alle Winde zerstreut wird? Einige dachten:  Am besten schließen wir die Reihen fest zusammen und leben unseren Glauben im engeren Kreis, so retten wir ihn.

    Von diesen Auseinandersetzungen wurden die jüdischen Gemeinden fast zerrissen. Auch deshalb, weil es einige Gruppen in ihnen gab, die behaupteten, in Jesus die tatkräftige Macht Gottes erfahren zu haben. Ausgerechnet Jesus, der als Hingerichteter der Römer doch gar nichts mehr bewirken konnte! So schreibt Johannes in diesen Streit hinein seinen Text, der an vielen Stellen scharf und gar nicht versöhnlich klingt. Aber es ist ein innerjüdischer Streit, kein Streit zwischen Juden und Christen, wie das Johannesevangelium Jahrhunderte lang falsch gelesen wurde…

    Es ist ein langwieriger Streit, das zeigt schon allein die Länge des Textes und die vielfachen Bemühungen der Pharisäer, hinter das Geheimnis der Heilung des Blinden zu kommen. Und schön endet der Text auch nicht: Eure Verwirrung, eure verengte Sicht Gottes bleibt, dieser harte und kompromisslose Satz aus dem Mund Jesu macht uns fast sprachlos.

    Die Blindheit ist kein medizinischer Befund in diesem Text. Und deshalb braucht man auch nicht zu diskutieren, ob der Blinde schuld ist oder seine Eltern. Die Weltmacht Rom macht die Menschen blind, prinzipiell, von Geburt an. Wer nichts anderes mehr kennt als die Zustände unter der römischen Gewaltherrschaft, ist wie blind geboren. Alle Menschen – auch wir – werden in bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse hineingeboren, die formen und prägen. Es braucht eine ganz besondere Kraft, dazu eine kritische Distanz aufzubauen und die Realität auszuweiten auf andere Möglichkeiten.

    Die Gewaltherrschaft Roms macht die Werke Gottes, ja Gott selbst, unsichtbar. Das ist die Blindheit, von der in dieser Geschichte die Rede ist. Gott muss endlich wieder sichtbar werden, die Menschen müssen wieder fähig werden, Gottes Güte, Gottes Werke zu sehen. Und nicht nur die Juden und Jüdinnen – Gottes Güte soll für alle Menschen sichtbar werden.

    Dazu ist der Messias Jesus gesandt. Nichts scheint aber schwerer, als den engen Blick zu weiten, wenn Existenzängste ins Spiel kommen. Der sehr anschaulich geschriebene Text spielt deshalb mit den Begriffen Sehen und Nichtsehen, Treue und Verirrung, Tag und Nacht. 

    Nachts kann kein Mensch wirklich sehen. Die damalige Zeit kannte keine Straßenbeleuchtungen und abendliches Licht in den Häusern der einfachen Leute. Nachts war es kohlrabenschwarz, überall, niemand konnte einen Weg erkennen, meistens ging man in die Irre. Deshalb ist die Nacht ein sehr sprechendes Bild im Text für die Blindheit, die die Menschen befallen hat. Aber die Menschen sollen nicht in der Finsternis vor sich hin vegetieren; das hörten wir schon als Vorrede des Johannesevangeliums, im berühmten Prolog: „Im Anfang ist das Wort, und gottbestimmt ist das Wort…Und was es bewirkt, ist das Leben…Das Leben ist das Licht für die Menschen und scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht überwältigt…“

    Das schönste Werk Gottes ist der sehende Mensch, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen. Auch das ist nicht biologisch-medizinisch gemeint.  Menschen und Welt als Gottes Geschenk sehen und in dieser Überzeugung den Weg Gottes gehen, das meint Sehen und Gehen im Licht.

    Was aber tun, wenn die Finsternis, die Nacht sich auf alles legt? Sei es, dass Gewalterfahrungen das Vertrauen auf Gott erschüttern, sei es, dass eine ungewisse Zukunft sich wie eine dunkle Angstwolke über Land und Leute legt? 

    Der Text lädt dazu ein, Zweifel zu benennen und zu fragen wie die Pharisäer: Ist da wirklich eine Blindenheilung möglich? Wie groß ist unser Gottvertrauen noch, unsere Zuversicht?  Wie kommt das Licht, wie kommt das Gottvertrauen zustande? Kann es sein: einfache Handgriffe wie Dreck der Straße zu einem Brei anrühren, Augen bestreichen, sich waschen haben solche Wirkung? So dass einfache Leute sagen: So einfach war es! Oder der Geheilte selbst: Ich war blind und jetzt sehe ich. Die Welt ist anders, als ich sie bisher wahrgenommen habe…Das ist das Wichtigste jetzt, nichts anderes zählt mehr. 

    Natürlich legt der Text es darauf an, allen Zweifelnden in der Gemeinde des Johannes einzuschärfen: Man darf, wenn man Gott treu bleiben will, seine Güte nicht auf die eigenen Leute, auf das eigene enge Blickfeld begrenzen. Mag die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität auch noch so groß sein, mag der anerzogene oder gewohnte Realitätssinn auch dazu raten: Gottes Güte ist größer als die menschliche Vorstellungskraft. Den eingeschlagenen Weg für den einzig richtigen zu halten, verschließt die Augen vor der Wahrheit anderer Wege.

    Es ist schade, dass Johannes seinen Text so kompromisslos enden lässt; der Satz Jesu „Eure Verirrung bleibt“ ist kein weiteres Gesprächsangebot mehr, sondern eher das Gegenteil, ein abschließendes Urteil. Hier dürfen wir den Evangelisten Johannes kritisieren. 

    Lesen wir den Satz lieber als Frage, auch an uns:  Sind wir in der Lage, die momentane Krise als Innehalten wahrzunehmen? Hören wir die Fragen, die sich nun stellen nach dem tieferen Zusammenhalt der Menschengemeinschaft, die Fragen an die Verirrungen in unserem hochgefahrenen Lebensstil? Wird sie uns eine Solidarität lehren, die auch dann Bestand hat, wenn der Krankheitserreger besiegt ist? 

     

    Bitten:

    Wie wollen wir leben, zusammen leben, solidarisch leben? Die Corona-Krise mit all ihren noch unabsehbaren Folgen wird diese Fragen neu stellen. Und wir werden sie nicht beantworten oder praktisch darauf reagieren können, ohne die Mitmenschlichkeit und die Gerechtigkeit in uns zu wecken, die wir „Gott“ nennen. So wollen wir beten: 

    Wir sehen es jeden Tag: Selbst in diesen Zeiten der Angst und des auferlegten Selbstbezuges gibt es Menschen, die kreative und einfache Möglichkeiten sehen, anderen, vor allem Schwächeren zu helfen. Dass diese Ideen Kreise ziehen – darum bitten wir.

    Pflegerinnen und Pfleger, die nicht zu den gut bezahlten Arbeitskräften unseres Landes gehören, sind unverzichtbar für die Rettung von Menschenleben; sie kommen an ihre Grenzen. In Dankbarkeit, um Kraft, um Durchhaltevermögen – darum bitten wir. 

    Familien sind nun gezwungen, in Geduld mehr Zeit als gewohnt miteinander zu verbringen; andere Menschen drohen zu vereinsamen. Um Kreativität, um innere Stärke – darum bitten wir. 

    Die Krise bedroht Arbeitsplätze und mühsam aufgebaute Existenzen. Dass der soziale Gedanke und die Sorge um Gerechtigkeit nicht verloren gehen in den zu befürchtenden Verteilungskämpfen – darum bitten wir. 

    Wir sehen auch die Widersprüche: Eine längst fällige menschliche Lösung für die Not der Geflüchteten auf den griechischen Inseln wird immer wieder aufgeschoben; Europa nimmt das unermessliche Leid von Kindern in Kauf. Dass in der Angst um uns selbst die Sorge um andere nicht verlorengeht – darum bitten wir. 

    Gott des Lebens, bewahre in uns die Menschlichkeit, die Zuversicht, Dein Wort und Dein Licht. Dann kann die Finsternis uns nicht überwältigen und wir gehen nicht in die Irre. Amen 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin