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Gedanken und Auslegungen zu den Evangelien der Sonn- und Feiertage

  • 16. August

    Wer mag, kann am Sonntag um 15:00 Uhr am „Grünen Gotteslob“ auf dem Gelände von Haus Wasserburg teilnehmen. Es ist ein Gottesdienst, geprägt von Gebeten, biblischen Gesprächsrunden und schöner Musik. Weil es beim letzten Mal so schön war, machen wir es wieder so: Klappstuhl mitbringen, Picknickkorb (evtl. Sonnenschirm) und sich einstellen auf eine kleine Überraschung nach dem Gottesdienst. Für diejenigen, die keine Zeit haben oder denen es zu heiß ist, um sich draußen aufzuhalten, hier die Texte und ein paar Anregungen dazu. Die heutigen Lesungen passen ganz gut zusammen; das ist ja nicht immer so. Erkennbar ist eine rote Linie: Gott lässt sich nicht vereinnahmen von der Vorstellung, nur zuständig für ein bestimmtes Volk zu sein; Gott hört auch den Ruf der „Fremden“ und wird auch ihnen zur Hilfe…

    Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja:

    „So spricht Gott: Bewahrt Recht und tut Gerechtigkeit,

    denn die Rettung, die ich bringe, ist nahe

    und meine Gerechtigkeit offenbart sich.

    Glücklich ist unter den Menschen, wer so handelt,

    und jedes Menschenkind, das sich daran festmacht,

    das den Sabbat einhält und seine Entweihung verhindert

    und seine Hand davor zurückhält, Böses zu tun.

    Die Kinder der Fremden, die sich Gott angeschlossen haben,

    sollen nicht sagen: „Getrennt, getrennt hat mich Gott von seinem Volk!“

    Menschen, die durch Gewalt unfruchtbar gemacht wurden,

    sollen nicht sagen: „Siehe, ich bin wie ein vertrockneter Baum.“

    So spricht Gott: „Die Menschen, die durch Gewalt unfruchtbar gemacht wurden, aber meine Sabbate einhalten, die sich für das entscheiden, was mir gefällt, und an der Verpflichtung mir gegenüber festhalten,

    denen werde ich in meinem Haus und in meinen Mauern 

    die Hand reichen und einen Namen geben.

    Sie werden besser als Söhne und Töchter gestellt sein.

    Einen dauerhaften Namen werde ich ihnen geben, einen, der nicht ausgelöscht wird.

    Die Kinder der Fremden, die sich Gott angeschlossen haben, 

    um Gott zu dienen und dem Namen Gottes Liebe zu erweisen, 

    um im Dienst Gottes zu stehen, 

    alle, die den Sabbat davor bewahren, entheiligt zu werden 

    und die die Verpflichtung mir gegenüber einhalten,

    die werde ich zu dem mir geweihten Berg bringen 

    und die werde ich im Haus, in dem zu mir gebetet wird, fröhlich machen.“ 

    (Jes 56,1-7a)

     

    Evangelium:

    „Jesus ging danach von dort weg und zog sich ins Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam herbei und schrie: „Nimm dich meiner an, auf dich höre ich! Bist du doch Nachkomme Davids. Eine schlimme und unheimliche Krankheit hat meine Tochter gepackt.“

    Jesus antwortete ihr mit keinem Wort. Seine Jüngerinnen und Jünger kamen dazu und baten ihn: „Befreie sei davon, denn sie schreit hinter uns her.“ Er widersprach: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel gesandt.“ Sie aber kam, fiel vor ihm nieder und sagte: „Höre auf dich, hilf mir.“ Er antwortete: „Es ist nicht gut, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündchen vorzuwerfen.“  Sie aber sagte: „Ja, Herr, doch auch die Hündchen essen von den Krümeln, die von den Tischen der Herren fallen.“ 

    Da antwortete Jesus ihr und sagte: „O Frau, groß ist Dein Glaube. Es geschehe Dir, wie Du willst! Und geheilt war ihre Tochter seit jener Stunde.“

    (Mt 15,21-31) 

     

    Kontextuelle Auslegung: 

    Die Verführung ist für mich als feministische Frau in der Kirche ziemlich groß, das Evangelium von heute so zu lesen:

    Eine Frau bringt dem Messias Jesus bei, dass er von seiner engen, heidenfeindlichen Haltung zu lassen hat, weil das Heil Gottes allen Menschen – auch den Nichtjuden – zuteil werden soll. Der Mann Jesus braucht eine Weile, ehe er versteht, aber die Schlagfertigkeit der Frau überzeugt ihn schließlich und er ist am Ende gezwungen, den Glauben der Frau zu loben.

    Die Frau hat sich mit ihrer Demütigung nicht abgefunden, sie hat ihre Ausgrenzung aus eigener Kraft und mit Intelligenz überwunden und so ganz nebenbei eine Männerbastion der Kirche gestürmt: Dass Frauen nicht lehren, nicht verkündigen, nicht predigen können – hat doch selbst der Messias auf die Stimme einer klugen Frau gehört und ihr am Ende Recht geben müssen.

    Das wäre schön und es gibt auch Feministinnen, die diese Richtung einschlagen, nur:

    So funktioniert der Text nicht. Ich nehme also Abschied von dieser mir sehr genehmen Lösung und gucke mir den Text lieber genauer an.

    Ich glaube, mit dieser Geschichte greift der Evangelist ein in die Ängste und Auseinandersetzungen seiner Gemeinde. Er will ihr Hilfestellung geben in ihrem Ringen um das Überleben in einer kritischen Zeit und Situation; und die Hilfestellung heißt vor allem „Offenheit gegenüber Fremden“ – das ist gute jüdische Tradition, wie wir nicht nur durch den Jesaja-Text wissen..

    Kulturelle Vielfalt im Alltag galt in der Antike höchstens für die Stadt Rom und einige Hafenstädte, wie z.B. Korinth. In den übrigen Teilen des Nahen Ostens, vor allem auf dem platten Land, gab es  Gruppen und Dörfer, in denen Ängste vor einer kulturellen und religiösen Überfremdung vorherrschten. In der Öffentlichkeit wurden gern Vorurteile geschürt, die auch politisch missbrauchbar waren: Die Germanen und überhaupt die Völker des Nordens waren als Barbaren verschrien, als grobschlächtige Typen ohne Tischsitten und Lebenskultur (unsere Vorfahren!.) So waren sie auf Denkmälern und Münzen dargestellt;  der berühmte Pergamon-Altar ist dafür ein anschauliches Beispiel.

    Angst vor fremden Einflüssen hatte auch die jüdische Bevölkerung – dieser Trend verstärkte sich nach dem Krieg, der von Jerusalem im Jahr 70 nur noch Ruinen übrig gelassen hatte. Was macht man in dieser Verunsicherung und Angst? Die ins römische Reich verstreuten Gruppen und Gemeinden schotteten sich ab, waren misstrauisch und ängstlich Nichtjuden gegenüber, die sie goyim – Fremde – nannten oder als „Hunde“ verspotteten.  Zu diesen jüdischen Gruppen gehörten auch die Jesusleute, auch die Gruppe um Matthäus.

    Gegen ihre Berührungsängste und als Motivation, sich vor dem Fremden nicht zu verschließen, schreibt Matthäus diesen Text über eine Ausländerin in sein Evangelium. Er treibt es auf die Spitze, als es darum geht, die Abschottung zu beschreiben: Hier ist es sogar Jesus selber, der eine sog. Ungläubige, eine Fremde, eine Heidin ablehnt. Und das, obwohl die Frau ein einziger Hilfeschrei ist. Auch die Jünger wollen sich ihrer schnell entledigen. Engstirnig kommt uns dieser Jesus vor, kalt und abweisend, verschanzt hinter einem nationalen und religiösen Grenzzaun, mit Zulassungskontrollen und Zurückweisungsplänen. (wenn ich übertreiben wollte, würde ich sagen: Er macht den Seehofer…)

    In meinem Hafen kannst du nicht landen, bei mir kannst du nicht vor Anker gehen, über meine Mauer kommst du nicht, du kriegst hier keine Einreisegenehmigung…

    Aber ganz so ist es nicht: Er benutzt zwar das damals übliche Wort „Hunde“ für die Nichtgläubigen, verniedlicht es aber: „Hündchen“ sagt er. So, als wollte er die gängige abfällige Redensart abfedern oder ironisieren. Und er erwähnt die Bevorzugungsstruktur: Das gute Brot ist nur für die eigenen Leute reserviert; es wäre an Fremde verschwendet. Wir kennen diese Bevorzugungsstruktur, sie prägt immer noch sehr stark das Miteinander in unserer Gesellschaft.

    Es scheint fast so etwas wie eine untergründige Verständigung zu geben zwischen Jesus und dieser Frau: Er liefert die bildhafte ironische Vorlage für ihre schlagfertige Antwort: Na, die Brotkrumen von den Tischen der Herren werden doch wohl für uns Hündchen übrig bleiben!  Sie entzieht mit ihrer Antwort jeder Ablehnung den Boden. Diese fast kabarettistische Entwaffnung ist gesetzt für die Gruppe des Matthäus und für uns heute. (Natürlich gefällt es mir als Feministin dann doch gut, dass hier eine schlagfertige Frau der Gemeinde des Matthäus zur Belehrung dient…) 

    Uns mag das Niederwerfen, das unterwürfige Understatement der Frau stören, es ist aber eine gute Strategie, wenn man in der Rolle der Hilfsbedürftigen ist und keinen anderen Ausweg sieht. Mit dieser Geste der Frau beschämt Matthäus seine Leute: So weit soll es keine Jesusgruppe oder Gemeinde kommen lassen. Die erkennbare Hilfsbedürftigkeit und die Bitte um Hilfe eines Menschen sollten genügen. Rassistische Bilder und Ressentiments  haben keinen Platz in einer Situation, in der es um Not und Rettung geht. Sie stellen sich nur sperrig vor das, was hier geschehen soll und könnten es sogar verhindern: Die Heilung, die Rettung eines Menschen.

    So fallen die inneren Mauern und damit auch die äußeren; das Mitleid kann frei fließen, Humanität findet ihren gottgewünschten Weg und ihre Wirkung. Die christlichen Werte, die heute so gern beschworen werden, werden nicht verraten, sondern aktiviert. Dass genau das im Sinne Gottes ist, finden wir wieder im Jesaja-Text, so schließt sich er Kreis, der uns hineinziehen will in die Liebe und Solidarität Gottes, die in erster Linie den Hilfeschreienden gilt…

    Wer ruft, soll Gehör finden
    Wer schreit, soll Rettung erfahren,
    Wer hungert, Nahrung.
    Was auf unseren Tischen ist, reicht für alle. 

    Jutta Lehnert 

  • 19. Juli

    Am Sonntag, dem 19.Juli, findet am Nachmittag um 15:00 Uhr auf der Wiese vor Haus Wasserburg das „Grüne Gotteslob“ statt. Wer dort nicht hinkommen mag oder auch in den vergangenen Wochen Gefallen daran gefunden hat, sich über die geschriebenen oder gesprochenen Bibelauslegungen „geistlich fit“ zu halten, für den/die hier einige Anregungen: 

    Röm 8,26-27 

    „In unserer Ohnmacht steht uns die Geistkraft bei, wenn wir keine Kraft mehr haben und nicht wissen, so zu beten, wie es nötig ist. Die Geistkraft selbst tritt für uns ein mit wortlosem Schreien. Der aber die Herzensanliegen der Menschen kennt, versteht, wofür die Geistkraft sich einsetzt, denn sie tritt ja im Sinne Gottes für die heiligen Geschwister ein.“

    Auslegung

    Wir befinden uns im berühmten Brief des Paulus an die Jesusgruppen und – gemeinden in Rom, den er ungefähr im Jahr 55 geschrieben hat, an der Stelle,  wo der Schrei nach Befreiung am lautesten zu hören ist. Vorher hat Paulus darüber gesprochen, dass alle einem System unterworfen sind – er nennt es sogar Versklavung – aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. 

    Alle Menschen ohne Ausnahme, ob Juden oder Nichtjuden, sind an diesem Gefüge des Unrechts beteiligt. Es ist eine glasklare Gesellschaftsanalyse, die wir auch auf uns anwenden können: Wer in einem Wirtschaftssystem lebt, das auf Profit setzt und das von latenter Gewaltbereitschaft geprägt ist, ist gezwungen, immer wieder faule Kompromisse zu schließen. Die Menschen stehen mit ihren Entscheidungen mitten in den Problemlagen ihrer Zeit. Jede und jeder von uns spürt ja den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verunsicherungen und den eigenen inneren Auseinandersetzungen. Dazu hat Etty Hillesum, die als jüdisches Mädchen ein sehr sensibles Tagebuch geführt hat, und natürlich im Jahr 1942 in ganz anderen Konflikten stand, ihre Beobachtung geschrieben:

    „Ich habe….das Gefühl, ein kleines Schlachtfeld zu ein, auf dem die Probleme und Kämpfe dieser Zeit ausgetragen werden. Das einzige, was man tun kann ist, sich zur Verfügung zu stellen und sich zum Schlachtfeld machen zu lassen. Die Probleme müssen ja eine Unterkunft haben, sie müssen einen Ort finden, wo sie kämpfen und zur Ruhe kommen können, und wir armen, kleinen Menschen müssen unseren inneren Raum für sie öffnen und dürfen nicht davonlaufen.“

     

    Als winzige Initiative in diesem Sinne versuchten In Rom Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen eine Gemeinschaft im Namen des Messias Jesus zu bilden, religiös und gesellschaftlich gesehen eine Unmöglichkeit. Aber in einer die religiösen und sozialen Grenzen sprengenden Gemeinschaft sah Paulus die einzige Chance, dem Messias Jesus treu zu bleiben. So würde man standhalten und einem gottgetreuen Leben im Geist der Tora nahe kommen können. 

    Und so beschwört Paulus die Jesusgruppen: Gebt nicht auf! Der neue Weg ist möglich durch die Geistkraft Gottes! Sie lässt sich nicht durch enge Blickwinkel einsperren, sie befreit zu einer nie gekannten Offenheit anderen Menschen gegenüber. Die Geistkraft Gottes macht Mut, genau hinzugucken, wie wir verstrickt sind in die herrschenden Machtverhältnisse. 

    Die „Geistkraft“ heißt es in unserem Text, üblicherweise falsch übersetzt von der hebräischen ruach (weiblich), über das griechische pneuma (weiblich-sächlich) ins lateinische spiritus sanctus (männlich) – als der Heilige Geist. Was auf diesem Weg durch die Sprachen und Kulturen verlorenging an Kreativität und Möglichkeiten! Deshalb eindeutig: „Geistkraft“, das kommt dem ursprünglich Gemeinten am nahesten. Die steife Theologie hat sie in Dogmen gesperrt, in das Grab einer toten Sprache versenkt. Wir graben sie aus und stellen fest: Sie lebt noch! Was sie vermag, sagt Karl Barth - zwar in patriarchaler Sprache, aber dennoch stimmt die Richtung:

    „Der Geist ist nie romantisch-konservativ. Der Geist nimmt die Verhältnisse nicht, wie sie sind. Der Geist hat nicht Interesse an der Erhaltung des Bisherigen, des Bestehenden, sondern an seiner Neuverwandlung und Neugeburt (sic!)….Geist kann in der Gegenwart nichts anderes sein als Revolution, auch die Revolution dessen, was sich in der Gegenwart Revolution nennt.“

    Diese Geistkraft macht Beine, richtet auf und öffnet sogar Mund und Herz, das keine Worte zum Gebet und Gotteslob mehr findet. Wir wissen ja nicht mal mehr, um was wir bitten sollen, weil wir vergessen haben, was wir wirklich brauchen. Über allem, was wir haben, was wir nicht brauchen, haben wir die Unterscheidungskraft verloren. Wir brauchen keine Billigfleischberge und keine überfüllten Kleiderschränke, wir brauchen keine tausende Geschmacksrichtungen von Schokolade, wir brauchen keine All-you-can-eat- Fernurlaubsreisen…Wir brauchen echte, spürbar menschliche Gemeinschaft, untereinander verbunden durch Rücksichtnahme und Ernstnehmen der Gefahren. Wir brauchen die Freude am Wiedersehen und die Kraft, die aus der direkten Begegnung kommt.

    Wir brauchen den Austausch darüber, wie sich persönliche gute Absichten zur Veränderung mit politischen Entscheidungswegen verbinden lassen, damit unsere Erde zu dem werden kann, wie Gott sie gewollt hat. Die neue Erde geschieht durch uns und mit uns. 

    So arbeitet die Geistkraft Gottes in uns und wir mit ihr. 

     

    Dass wir oft nicht wissen, um was wir bitten sollen, wie wir beten sollen, dass das Beten uns verloren gehen kann, dass wir die Worte anderer brauchen, um unsere eigenen Worte zu finden, das ist eine alte menschliche Erfahrung. Die Bibel hält deswegen die Psalmen bereit, sie sind wie rundgeschliffene Kieselsteine, weil sie durch Jahrtausende von Hand zu Hand, von Mund zu Mund gingen. Wie viele Menschen ihre Hoffnung mit ihren Worten verbunden haben, wer vermag das schon zu wissen? Und so reihen wir uns ein in diesen Strom von Menschen, die einen bedroht durch Hunger, die anderen in Ängsten, wieder andere in tiefe Zweifel gestürzt. Die uralten Gebetsworte haben bis heute die Kraft, uns aufzurichten und neu auszurichten an Gott…

    Beten an Psalm 86 entlang:

    1  Früher, heißt es, bist du selbst vor Deinem Volk hergezogen.

    2  Früher, heißt es, troffen die Himmel von Deiner Güte.

    Alle:  Halte in Schach, was uns bedroht,

               und trete den Starken entgegen.

               Schlag den Gierigen ihre Macht aus der Hand

               und denen, die Gewalt üben, ihre Waffen. 

     

    1  Früher, heißt es, hast Du Deine Hilfe regnen lassen,

         und die Geschwächten konnten sich erholen.

     

    2  Früher, heißt es, hast Du befreit, 

        wer in die Hände der Übeltäter gefallen war.

     

    Alle: Halte in Schach, was uns bedroht,

             und trete den Starken entgegen.

             Schlag den Gierigen ihre Macht aus der Hand

             und denen, die Gewalt üben, ihre Waffen. 

     

    1 Früher, heißt es, trugst Du Sorge für Witwen und Waisen.

     

    2 Früher, heißt es, fülltest Du die Hände und Tische der Armen

     

     Alle: Halte in Schach, was uns bedroht,

             und trete den Starken entgegen.

             Schlag den Gierigen ihre Macht aus der Hand

             und denen, die Gewalt üben, ihre Waffen. 

     

    1  Früher, heißt es, flohen vor Dir die Könige und Generäle,

        und wehrlose Frauen teilten untereinander,

         was sie zurückgelassen hatten.

     

    2  Früher, heißt es, konnten in Frieden wohnen, die auf Dich vertrauten.

     

    Alle: Halte in Schach, was uns bedroht,

             und trete den Starken entgegen.

             Schlag den Gierigen ihre Macht aus der Hand

             und denen, die Gewalt üben, ihre Waffen. 

     

    (nach Klaus Bastian, aus: Liturgische Texte in gerechter Sprache)

  • 21. Juni

    Röm 5 Die Erbsündenlehre war von Paulus nicht gemeint …

    Im Lutherjahr 2017 erschien ein kleines, lustig-kritisches Büchlein, das den Titel trug „Warum Martin Luther die Reformation versemmelt hat“. Darin beschreibt der Autor F.C. Delius – ähnlich wie in seinem Büchlein „Die linke Hand des Papstes“ – wie es zur Durchsetzung der Erbsündenlehre kam, die bis heute die kirchliche Auffassung der Sexualität vergiftet. Augustinus hatte sich vor allem auf Röm 5 berufen, den Text der Lesung dieses Sonntags. 

    Röm 5,12-15 (Bibel in gerechter Sprache)

    „Darum gilt: Durch einen Menschen gelangte die Sündenmacht in die Welt und durch die Sündenmacht kam der Tod. So beherrschte der Tod alle Menschen. Deswegen dienten alle der Sündenmacht. Bis zur Gabe der Tora herrschte die Sündenmacht über die Welt. Sünde aber wurde nicht angerechnet, solange es die Tora nicht gab. Jedoch regierte der Tod von Adam bis Mose auch über die, die nicht wie Adam die Gebote übertreten hatten und der Sündenmacht dienten. Er ist der Typus des Kommenden. Mit der Übertretung verhält es sich anders als mit der in Zuwendung gewährten Gabe: Die Vielen wurden in Folge der Übertretung des Einen der Todesherrschaft ausgeliefert. Umso gewisser fließen die göttliche Zuwendung und das Geschenk, das in der Zuwendung des einen Menschen Jesus, des Messias, besteht, in überreichem Maße den Vielen zu.“ 

    Auslegung

    Wie man Texte übersetzt und interpretiert, hat oft schwerwiegende und langfristige Folgen; das trifft vor allem auf dieses Stück aus dem Römerbrief zu. Auf diese hochkomplizierten Sätze des Paulus an die Gemeinde in Rom baute nämlich Augustinus zu Beginn des 5.Jahrhunderts seine Lehre von der Erbsünde auf, die verheerende Auswirkungen auf die Sexualmoral der Kirche, auf ihr Eheverständnis und natürlich auf ihr Frauenbild hatte. Wenn das alles nur Schnee von gestern wäre, müssten wir uns nicht mehr damit herumschlagen, aber diese Deutungsmuster haben Auswirkungen in den Tiefenschichten der Überzeugungen bis heute. 

    Die amerikanische Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels hat schon vor einigen Jahren herausgefunden, dass die Erbsündenlehre des Augustinus auf einem Übersetzungsfehler des Römerbriefes beruht und dass sie das Ergebnis eines unwürdigen Machtspiels zwischen den Bischöfen des 5. Jahrhunderts ist. Der Stoff taugt für einen Krimi…

    Augustinus, der damals Bischof in Hippo (in Nordafrika) war, konnte nur schlecht Griechisch und benutzte deshalb die fehlerhafte lateinische Übersetzung des Textes, So wurde Adam für ihn der Prototyp des Sünders, der sich von Eva verführen ließ zur Übertretung des göttlichen Gebotes – die Geschichte mit dem Apfel vom Baum der Erkenntnis... Diese allererste Verfehlung des Menschen wurde zur Ursünde. („der Sündenfall“…)

    „In“ Adam (hier ist die falsche Übersetzung!) ist nun jeder Mensch in Sünde geboren; dieses Grundübel wird nach der Lehre des Augustinus durch den Geschlechtsakt übertragen. Vererbt eben auf diesem natürlichen Wege betrifft sie unausweichlich jeden Menschen. Die Folgen dieses Denkens kann man sich ausmalen…

    Andere Bischöfe haben damals gegen dieses negative Menschenbild Einspruch eingelegt und konnten es auch für eine Zeit abwehren. Aber Augustinus setzte alles daran, seine „Erbsündenlehre“ als kirchliches Dogma zu verankern. Er war ein Freund der kaiserlichen Familie. So schickte er 80 arabische Zuchthengste als Geschenk zu Kaiser Honorius nach Ravenna, „springendes Schmiergeld“ nennt F.C. Delius das in seinem Büchlein. Honorius wies die Bischofsversammlung an, die Kritiker des Augustinus zu verketzern und ihre Schriften zu verbrennen.

    Ein kluger Mann aus der nächsten Bischofsgeneration, Julian von Eclanum, zerlegte ebenfalls die Erbsündenlehre des Augustinus; und zwar mit so klugen Argumenten, dass Augustinus bis zu seinem Tod zwölf Jahre lang an sechs Büchern schrieb, und doch mit keinem fertig wurde. Jeder Einspruch prallte an ihm ab, seine Verbindung zum Kaiserhaus reichte aus, um aus seiner Lehre ein Dogma zu machen.

    Übrigens: Hinter den meisten Dogmen der katholischen Kirche steht ein Gefüge aus Machtgekeile und Intrigen, Erpressung und Rufmord – begleitet vom bewussten Unterdrücken vernünftiger Argumente… gewisse Traditionen scheinen sich über Jahrhunderte zu halten.

    Was Augustinus dazu trieb, kann man nur vermuten: Schuldgefühle wegen seines üblen Lebenswandels vor seiner Bischofsweihe, Angst vor gelebter Sexualität, Verstiegenheit oder Verbissenheit in die eigene Überzeugung – wir wissen es nicht. Aus heutiger Sicht ist klar: Die Grundverunsicherungen des Menschen, die Sexualität und den Tod, mit Schuldkomplexen zu belasten, ist ein Verbrechen – oder krank, je nach Sichtweise.

    Die Lehre von der Erbsünde hat die Kirche nie widerrufen; auch Martin Luther nicht. Vermutlich aus Scham nimmt kein Theologe oder Bischof heute mehr das Wort „Erbsünde“ in den Mund. Aber der Mensch als grundsätzlich sündig und die Sünde in Verknüpfung mit gelebter Sexualität ist uns geblieben- jedenfalls gefühlsmäßig oder unbewusst. Auch gilt Augustinus immer noch als einer der großen Kirchenlehrer. Ab und zu aufräumen in Theologie und Kirche, das täte allen gut…

    Das war die Interpretationsgeschichte von Röm 5 mit ihren schrecklichen Folgen, nun aber zum Text! 

    Was hat nun Paulus gemeint, als er diese komplizierten Sätze an die Gemeinden und Gruppen in Rom schrieb? Den Text nicht durch die Brille des Augustinus oder des Martin Luther lesen, sondern im Kontext seiner Entstehung, das ist unverzichtbar, will man Verallgemeinerungen vermeiden und den wahren Sinn erfahren. 

    Die Gemeinden in Rom, an die Paulus schrieb, bestanden aus jüdischen und nicht-jüdischen Menschen, dabei waren die Juden in der Minderheit. Paulus versucht während des ganzen langen Briefes immer, für diese unterschiedlichen Ohren zu sprechen. Die Nichtjuden sollen in Jesus die jüdische Tora mithören, die Juden sollen in Jesus zum offenen Umgang mit Nichtjuden finden. Deshalb darf man in diesen Sätzen den Namen „Mose“ nicht überlesen. 

    Vor Mose – also vor den Gesetzestafeln, vor der Tora – war es den Menschen nicht möglich, Recht und Unrecht zu unterscheiden und nach dem Willen Gottes zu leben, sie kannten ihn ja nicht. So konnten Herrschaftsverhältnisse zwischen Menschen entstehen, von Gewalt und Unrecht geprägt, „Tod“ nennt Paulus diese Lebensweise. Ohne die Juden und ihre Tora wären die Menschen nicht zur Erkenntnis von Gottes Gerechtigkeit gekommen. So bleiben die Juden in den Gemeinden wichtig.

    Jetzt aber, wo alle den Messias Jesus kennen, ist beides möglich: Erkenntnis des Willens Gottes durch die Tora und Freiheit und Zuspruch Gottes für alle durch den Messias Jesus. So baut die Gemeinde ein neues Gebilde, gegen die ungerechten Verhältnisse, gegen die Sündenmacht. Sie wird eine starke Gemeinschaft gegen eine „Gesellschaft des Todes“. Wir sind eben nicht zwangsläufig als Sünder geboren und dem ewigen Tod ausgeliefert. Jeder Mensch ist als Abbild Gottes geschaffen und enthält in sich die Möglichkeit zum Gutsein, zum tora – und christusgemäßen Leben. Das muss Paulus den Gruppen in Rom sagen, die ja im Machtzentrum des römischen Reiches um den Erhalt ihres neuen Miteinanders ringen. 

    Sehr kompliziert – man braucht eigentlich einen ganzen Abend, das genau auseinanderzufisseln…  

    Die Menschen- und Menschheitsverachtung, die aus der Lesart des Augustinus spricht, hat keinen Anhalt im Text des Paulus. Im Gegenteil: Die Gefahr, der Sündenmacht (gemeint ist damit die Verstrickung in die falsche Politik des römischen Reiches) zu erliegen, wird erkannt – aber die Möglichkeit, sich zum Guten zu ermächtigen, wird allen zugesagt. Auf dieser Basis kann die Gemeinde ihren neuen Weg gehen und herrschaftsähnliche Verhältnisse aus ihren eigenen Reihen fernhalten….

    Es wird höchste Zeit, dass wir die folgenschweren Worte wie Sünde und Gnade aus ihrer privaten, engen und schuldbeladenen Ecke holen und zu politischen Worten machen. Wenn nämlich alle Menschen in gleicher Weise als Sünder bezeichnet werden, kann man die wirklichen Verfehlungen gegen die Lebensweise Gottes nicht erkennen – das war auch eine Folge der falschen Lesart des Augustinus. Klar werden Menschen schuldig und mitschuldig; es gibt sogar Strukturen der Sünde – aber jeder und jede hat die Möglichkeit, an Befreiung und Versöhnung mitzuarbeiten.  

    Wenn wir die Worte des Paulus als Entlarvung der Herrschaftsverhältnisse, als Darstellung der Schuldzusammenhänge und als Ermutigung verstehen, werden sie hilfreich für den Blick auf unsere Verhältnisse heute. Wo sind wir in eine tödliche Lebensweise verstrickt? Die Corona-Krise, in der wir noch sind, hat dafür das Empfinden verstärkt und Mut gemacht, Alternativen zu denken und in die politische Diskussion zu bringen. 

    Wir kommen alle in eine Welt, die schon eine ungute Geschichte hinter sich hat, in der es an Gerechtigkeit und Barmherzigkeit fehlte. Aber sie hatte auch eine gute Geschichte. Wir sind alle ausgestattet mit dem Potential, die Verhältnisse anders zu denken und zu verwandeln. In überreichem Maß, sagt Paulus sogar. 


    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 14. Juni

    Röm 5 ….er hat sein Leben gelassen für uns

    Vergangene Woche hat in unserer neuen Gesprächsreihe „Paus`n´Hof“ im Pfarrgarten von Liebfrauen eine Frau die Bitte geäußert, das Thema „Hat uns Jesus durch seinen Tod am Kreuz erlöst?“ aufzugreifen. Es gibt keine Zufälle: An diesem Sonntag ist als Lesungstext ein Abschnitt aus dem Römerbrief vorgesehen, der eine der vielen Deutungen des Kreuzestodes Jesu beschreibt. Ich versuche, mi Hilfe dieses Textes erste Hinweise zu geben, obwohl das Thema natürlich viel breiter und tiefgehender ist. Mehr als ein paar Anstöße sind in der Kürze der Zeit nicht möglich. Dafür lade ich herzlich zur nächsten Gesprächsrunde am kommenden Dienstag um 16:00 Uhr ein, die auf dem Hof vor dem Pfarrhaus Liebfrauen stattfinden wird. Und ich lade dazu ein, alle Fragen mitzubringen, die das Thema aufwirft….

    Zunächst der Text (Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“), ich fange ein paar Verse früher an als vorgesehen:

    Röm 5,1-11

    „Wir können in Gottes Frieden leben, weil Gott uns auf Grund unseres Vertrauens gerecht spricht und wir dem Messias Jesus gehören. Durch ihn haben wir Zugang in den Raum der Freundlichkeit Gottes. Das ist unser Ort. Wir können uns glücklich preisen, weil wir darauf hoffen, dass Gottes Gegenwart alles durchdringt. Auch in Stunden großer Not können wir uns glücklich preisen, denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass große Not die Kraft zum Widerstehen stärkt. Diese Kraft stärkt uns, dass wir standhalten können; die Erfahrung standzuhalten stärkt die Hoffnung, Die Hoffnung führt nicht ins Leere, denn die Liebe Gottes ist durch die heilige Geistkraft in unsere Herzen gegossen. Sie ist uns geschenkt.

    Denn schon zu der Zeit, als wir die Kraft noch nicht hatten, ist der Messias gestorben, weil er sich für die einsetzte, die Gott nicht kennen. Selten stirbt jemand für gerechte Menschen – eher nimmt jemand das Wagnis auf sich, für eine gute Sache zu sterben. Gott selbst aber erweist uns Liebe. Als wir noch der Sündenmacht dienten, ist der Messias gestorben, als er sich für uns einsetzte. Jetzt! Aber sind wir durch sein Leben gerecht gesprochen und bleiben umso gewisser vor der Verurteilung durch Gott bewahrt. Denn schon als wir Gott noch feind waren, hat Gottes Sohn sein Leben gelassen, für unsere Versöhnung. Weil er lebt, wird für uns als Versöhnte noch mehr erfahrbar: die Rettung. Aber nicht nur dies allein: Wir können uns Gottes glücklich preisen durch Jesus, den Messias, dem wir gehören, durch den wir jetzt! Versöhnung empfangen.“

    Kontextuelle Auslegung:

    Der Brief des Apostels Paulus an die Jesusgruppen, die in Rom leben, ist der Brief, in dem die meisten Grundsatzfragen angesprochen werden; so auch in Kapitel fünf. Paulus versucht eine Deutung des Kreuzestodes Jesu, der rund 20 Jahre nach dieser schrecklichen Hinrichtung die Jesusleute immer noch tief verstört. Nebenbei: Das ganze Markusevangelium liest sich als eine Bearbeitung dieses Traumas…

    Die Besatzung durch das römische Militär war brutal; die Sehnsucht nach Befreiung groß, der Widerstand nahm vielfältige Formen an. Viele jüdische Frauen und Männer wurden vor und nach Jesus als Infragestellung der Macht Roms empfunden und gekreuzigt. Das Kreuz war eine ständige Bedrohung und das Instrument, die Herrschaft Roms in Palästina durchzusetzen. Damit steht die Kreuzigung Jesu in engem Zusammenhang mit der Leidens- und Widerstandsgeschichte seines Volkes. Es gibt einen Text aus dem 4. Makkabäerbuch (1. Jhdt.), der uns verdeutlichen kann, wie man damals über die jüdischen Märtyrer gedacht hat: „Diese um Gottes Willen Geheiligten sind nun geehrt, nicht nur mit dieser himmlischen Ehre, sondern auch dadurch, dass um ihretwillen die Feinde über unser Volk keine Macht mehr hatten, der Tyrann bestraft und das Vaterland geläutert wurde: sie sind doch gleichsam eine Gegengabe geworden für die durch die Sünde befleckte Seele des Volkes. Durch das Blut jener Frommen und ihren zur Sühne dienenden Tod hat die göttliche Vorsehung das vorher schlimm bedrängte Israel gerettet.“

    Hier wird der Tod von Märtyrern zu einem Zeichen der Hoffnung, dass die Macht der Gewalt der Feinde zu brechen sei. Aber an keiner Stelle ist davon die Rede, dass jemand gern oder freiwillig den Kreuzestod auf sich genommen hätte – er wurde in Kauf genommen, aber nicht gesucht. Gleichzeitig fließt die uralte Vorstellung vom Blut der Opfertiere für die Reinigung des Volkes in diese „Märtyrertheologie“ ein. Dieser Sühnegedanke vom erlösenden Blut gehört in die damalige Vorstellungswelt und richtet nur Schaden an, wenn sie in spätere Zeiten, Erfahrungen und Auseinandersetzungen übernommen wird.

    Wir merken schon, dass Paulus von dieser Sicht geprägt ist und sie auf Jesus anwendet: Die Menschen waren in die Sündenmacht verstrickt – gemeint ist hier, dass man sich den herrschenden Gewaltverhältnissen nur schwer entziehen konnte, dass sie sich auswirkten bis in die Tiefenschichten der Menschen. Der Messias Jesus aber lebte ein solidarisches Leben für die Armen und Erniedrigten; er ging für seine praktische Gottestreue das Risiko des Kreuzestodes ein. Seine Solidarität war ein Zeichen der Solidarität Gottes und soll nun alle Menschen prägen. Streng genommen muss man sagen: Die Erlösung geschieht eher durch das Leben Jesu, weniger durch seinen Tod…Wer nur vom erlösenden Kreuz spricht und das Leben Jesu ausklammert, gerät in eine gefährliche Nähe zu einer Opferideologie.

    Zu verkündigen, ein Gekreuzigter sei der Retter der Welt oder bringe Befreiung, bedeutet im Kontext des römischen Reiches, der allgegenwärtigen Unterdrückung durch Hunger, Verwaltung und Militär die Macht abzusprechen: Die Macht des Reiches Gottes ist größer als die der Herren und sie hat einen anderen Inhalt. Dem Militär wird nicht Militär entgegengesetzt, sondern die lebendige Kraft eines Gekreuzigten, in dessen Namen Gemeinden entstehen, die nach Gottes Willen leben.

    Aber das Leben Jesu ist auch nicht ohne das Kreuz zu denken: Es ist Zeichen seiner Konsequenz, es kann bis heute die Kreuze sichtbar machen, die Menschen durch Unrecht, Vernachlässigung und Gewalt auferlegt werden.

    Was ist „Erlösung“? Sind wir „erlöst“? Sind wir „gerettet“, wie Paulus sagt? Die kirchliche Formelsprache klingt oft erstarrt, Wörter werden durch die Jahrhunderte weitergereicht zu leeren Worthülsen. Eine andere, eine neue Sprache ist notwendig, um das zu erfassen, was die Verbundenheit mit Jesus in uns auslösen will.

    Wir kennen den Weg der Befreiung, den Weg der Rettung…wir kennen ihn durch Jesus. Durch ihn haben wir den Zugang zum Raum der Freundlichkeit Gottes, so heißt es zu Beginn des 5. Kapitels. Den Raum der Freundlichkeit Gottes wünsche ich allen! 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

     

  • 07.Juni -Dreifaltigkeitssonntag

    Johannes 3,1-21 Dreifaltigkeitssonntag 2020 

    Wir bekreuzigen uns mit den Worten „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“; in diese Gebetstradition wächst man hinein. Das wäre in den ersten Jahrhunderten der Kirche undenkbar gewesen, denn Gott in Dreiheit zu denken – das ist eine Theologie, die sich erst allmählich entwickelt hat; den Dreifaltigkeitssonntag gibt es erst seit 1334. Kritische Frauen haben die männliche Schlagseite dieses Gottesbildes schon lange hinterfragt; beispielsweise die Mystikerinnen des Mittelalters. Der Heilige Geist ist durch die Übersetzung ins Lateinische und Deutsche unter der Hand männlich geworden, was weder dem hebräischen noch dem griechischen Wort entspricht. Was tun mit diesem überkommenen Bild? Vielleicht ist es ja dennoch eine bereichernde Idee, Gott als Beziehung zu denken und damit die Beziehungen zwischen Menschen für heilig zu erklären. Das bedeutet aber, das wir unsere Beziehungen so gestalten sollten, dass sie sich in Richtung Heiligkeit entwickeln, die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Menschen dunkler und heller Hautfarbe…In diesen Wochen wird uns klarer als sonst, wie weit wir von dieser Heiligkeit entfernt sind.  

    Zwei Texte prägen in diesem Jahr den Dreifaltigkeitssonntag:

    2 Kor 13,11-13 und Joh 3,16-18.

    „Schließlich, liebe Geschwister, freut euch, fangt noch einmal an, lasst euch ermutigen, lebt einmütig und in Frieden! Gott ist Liebe und Frieden und wird mit euch sein. Begrüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle heiligen Geschwister. Die befreiende Zuwendung unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft, die uns die heilige Geistkraft schenkt, sei mit euch allen!“

    (2 Kor 13,11-13, Bibel in gerechter Sprache)

    Paulus fasst in den letzten Sätzen seines Briefes ganz gut zusammen, was er dieser streitlustigen und gelegentlich problematischen und sehr gemischten Jesusgruppe unbedingt sagen will: Wer dem Messias treu bleiben will, an dem muss man das ablesen können. Mit dem  Grundgedanken der inneren Gottesbeziehung in Verbindung gebracht: Am inneren Gefüge, am Umgang miteinander lässt sich erkennen, ob man Jesus die Treue hält oder nicht.  Friede und Zusammenhalt, die in dieser Gruppe sehr bedroht waren und sind, lassen sich mit einem mutigen Neuanfang wieder herstellen! Andere Jesusgruppen und andere Jesusleute in der Ferne sehen diese Gruppe gerade dann als Geschwister im Geist Jesu an, wenn sie das schafft und immer wieder schafft. Dann kann diese Gruppe sich darauf verlassen, dass man an sie denkt und den mutigen Neuanfang unterstützt. Der Briefgruß ist keine Floskel, kein leeres Wort; er drückt aus, dass es eine Freude ist, zur Jesusgemeinschaft zu gehören. Die Geistkraft ermöglicht es dieser Gruppe, als besondere Gemeinschaft von Juden und Nichtjuden die nötige Offenheit und Versöhnungsbereitschaft aufzubringen. Auch hier: Die Geistkraft arbeitet an den guten und gelingenden Beziehungen zwischen den Menschen mit…

    Der Text des Evangeliums Joh 3,16-18:

    „Denn so hat sich Gott solidarisch erklärt mit der Welt,

    dass er den Sohn, den Einziggezeugten, gab,

    damit jeder, der ihm vertraut, nicht zugrunde geht,

    sondern Leben in der kommenden Weltzeit erhält.

    Denn nicht deswegen hat Gott den Sohn in die Welt gesandt,

    dass er die Welt richte,

    sondern damit die Welt befreit werde durch ihn.

    Wer ihm vertraut, wird nicht gerichtet;

    wer nicht vertraut, ist schon gerichtet,

    denn er hat nicht dem Namen des Einziggezeugten Sohnes Gottes vertraut.“

    Die Jesusleute des Johannes (rund 40 Jahre später als 2 Kor) haben andere Probleme und stellen sich in ihrer Bedrängnis die Frage: Ist Gott noch solidarisch mit uns? Können wir entgegen unserer negativen Lebenserfahrungen noch auf den befreienden Gott vertrauen?

    Das könnten auch unsere Fragen sein, wenn auch in einer völlig anderen Lebenssituation. Ein Blick in die Zeitung reicht, um die sich auftürmenden Probleme zu sehen. Drohende Spaltung und Gewalt durch zunehmenden Rassismus; die Befürchtung,  bei zentralen politischen Entscheidungen kaum Gehör zu finden, und die Angst, dass jetzt nach der Krise die Chancen auf Veränderungen wieder verspielt werden – all das macht Herz und Geist schwer. Da ist es gut, Gott ins Spiel zu bringen.

    Auf die Fragen seiner Leute versucht Johannes eine Antwort; wir gehen ihr nach und sehen, ob seine Antwort auch eine Antwort für uns heute ist.

    Er spricht von der Liebe Gottes zur Welt – Ton Veerkamp übersetzt hier besser, dass Gott sich mit der Welt solidarisch gezeigt hat. Er sandte diesen einzigartigen Menschen, Jesus – das Evangelium gibt ihm den Titel „Sohn“.

    Es gab in der Bibel schon mal einen einzigen Sohn, der von Gott und für das Leben gerettet wurde: Isaak, den Abraham schlachten und als Brandopfer darbringen wollte (Gen 22). Auf diesen Sohn spielt Johannes hier an. Er war der langersehnte Erbe, sehr spät, aber endlich doch noch von Sara geboren. Ihn sollte Abraham opfern, so dachte er, um Gott seine Treue zu beweisen. Aber Abraham hatte sich in Gott völlig geirrt – er hatte auf einen falschen Gott (elohim steht im hebräischen Text) gehört und den Aufruf nach Opferung des Sohnes für göttlich gehalten. Das stellte sich als falsch heraus. Ja, man kann in dem, was man für den Willen Gottes hält, völlig daneben liegen… Der Engel Gottes (JHWH steht an dieser Stelle im Text) nahm ihm das Messer weg, ließ ihn Isaak wieder losbinden und vom Opferstein heruntersteigen. Gott wollte diesen Sohn lebendig – nicht tot. Denn Isaak war die Zukunft Abrahams, die Zukunft seines Volkes, das von da ab lernte, auf Menschenopfer überhaupt zu verzichten.

    Aber der Rest der Welt lernte das nicht. Durch die Jahrhunderte bis heute werden Menschenleben geopfert. So war es auch mit Jesus. Er wurde nicht gerettet wie damals Isaak. Er starb in der entsetzlichen Gewalt, unter schrecklichen Umständen. Kein Engel Gottes fiel den Schergen am Kreuz in den Arm. Aus den Händen des römischen Statthalters war er nicht mehr zu retten.

    Sein Tod war verschuldet durch ein gewalttätiges System, von Menschen aufgebaut und anderen aufgezwungen. Dieses System hatte Sieger und Verlierer, brachte Mitläufer und Widerständler hervor. In dieser Lage musste die Solidarität Gottes mit den Opfern des Systems andere Wege finden und zog Gott an der Seite der Leidenden, solidarisch mit ihnen im Erleiden der Gewalt.

    Das ist etwas ganz anderes als die Vorstellung, Gott habe seinen Sohn geopfert! Mit diesem Gott konnte ich noch nie etwas anfangen…Aber dass Gott mit den leidenden Menschen aus Solidarität die Gewalt mit aushält, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, diese Gottesidee spricht zu mir. Sie hält die Solidarität durch und weckt die Solidarität der Menschen untereinander. 

    Dennoch ist es schrecklich zu sagen: Gott sah keine andere Möglichkeit mehr. Das ist für uns kaum zu ertragen. Wir wollen, dass Gott rettet! Was hilft ein Gott, der so hilflos ist wie die Opfer der Geschichte?

    Johannes wird am Ende seines Evangeliums von der Auferweckung Jesu erzählen, damit wird die Erfahrung von Gottes Solidarität mit den Leidenden erst vollständig und von Hoffnung geprägt. Dennoch ist es ein hilfreicher Gedanke, im Leid, das nicht mehr abzuwenden ist, Gott neben sich zu erahnen. 

    Durch Jesus wissen wir:  Die Welt ist nicht dazu verdammt, ein Ort des Schreckens zu sein, wenn es auch historische Situationen gibt, in denen man davon überzeugt sein könnte.

    Gott bleibt den Menschen treu, denn nicht sie sind böse, sondern ihre Weltordnung ist schlecht. Sie werden an ihr arbeiten müssen, um die Menschenopfer zu beenden.

    Diese Woche kam ganz spät die Kabarettsendung von Carolin Kebekus. Ich bin nicht unbedingt ein Fan von ihr, aber diese Sendung war gut. Sie ließ den Großteil ihrer „Weißen Tagesschau“ von einer farbigen Journalistin moderieren, ließ viele farbige Künstler und Künstlerinnen aus Deutschland zu Wort kommen. Eine praktische Korrektur unseres Rassismus, der nicht so deutlich zu erkennen ist, sich aber zum Beispiel in hauptsächlich weiß und bio-deutsch besetzten Talkshows, Führungspositionen in Ämtern, Aufsichtsräten, Schulen oder Universitäten niederschlägt.

    Es war eine witzige und gleichzeitig ernste Art, einen aufbauenden Beitrag zur Befreiung vom Rassismus zu leisten. 

    Die Übersetzung von Ton Veerkamp wählt generell das Wort „vertrauen“, wo andere Übersetzungen „glauben“ schreiben. „Glauben“, das ist ein religiöses Wort. Es klingt eher wie eine formale Zustimmung zu einem Glaubenssatz aus dem Katechismus, es hat wenig Aktives. Es kommt hinzu, dass im Griechischen und im Hebräischen das Verb keine religiöse Engführung meint. Deshalb ist „vertrauen“ besser. Beim Wort „vertrauen“ klingt anderes an: Erfahrungen von Güte in Erinnerung rufen, sich auf jemanden verlassen, persönliches Engagement zeigen, auch Zweifel und Ermüdung zulassen, die sich einschleichen können. Vertrauen muss immer wieder neu aufgebaut werden, gegenseitiges Vertrauen ist Arbeit.  Eine Haltung der Zuversicht, die ich persönlich brauche – die unsere Welt braucht, damit die Menschen nicht verloren gehen, sondern Beziehungen aufbauen lernen, die das Wort „heilig“ verdienen.

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 31. Mai - Pfingsten

    Pfingsten 2020

    Diese Woche traf ich eine der Frauen aus Syrien, die bisher so gern ins Frauenzimmer kamen. Sie erzählte, dass sie für Pfingstsonntag zum Essen bei einer befreundeten Familie eingeladen sei und fragte, was man sich denn an Pfingsten so schenkt. Wie man Weihnachten in Deutschland feiert, das hat sie mitbekommen. Aber was ist Pfingsten überhaupt für ein Fest?  „Pfingsten sind die Geschenke am geringsten“, dichtete Bert Brecht….

    „Göttliches Feuer auch treibet,

    bei Tag und bei Nacht,

    aufzubrechen.

    So komm!

    Dass wir das Offene schauen.“

    So hat Friedrich Hölderlin, der sich, vor genau 250 Jahren geboren, „Dichter in dürftiger Zeit“ nannte, im Jahr 1800 in seinem langen Text „Brot und Wein“ geschrieben. Eine schöne Gedichtzeile, mit der wir das Pfingstfest überschreiben könnten. Denn nichts anderes ist Pfingsten: Antrieb Gottes, Feuer in Hirn und Herz, ein neuer Weg, der sich dort öffnet, wo niemand ihn vermutet…die ganz großen Geschenke also!

     

    Der zentrale Text ist natürlich die Pfingstgeschichte, wie Lukas sie in der ApostelInnengeschichte 2,1- 11 erzählt:

     

    „Als der fünfzigste Tag, der Tag des Pfingstfestes anbrach, waren sie alle am gleichen Ort beieinander.  Da ertönte plötzlich aus dem Himmel Getöse wie von einem getragenen gewaltigen Atem, und das erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen, und es zeigten sich ihnen geteilte Zungen wie von Feuer, und das setzte sich auf einen jeden von ihnen, und erfüllt  wurden alle von heiliger Geistkraft, und sie begannen zu sprechen mit anderen Zungen, je nachdem, wie die Geistkraft es ihnen eingab zu reden.

    Es waren aber auf Jerusalem hin wohnende Judäer, fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel. Als nun dieses Getöse entstand, strömten die Leute zusammen und wurden durcheinander gebracht, denn jeder und jede Einzelne hörte sie im jeweiligen eigenen Dialekt reden. Sie gerieten außer sich und wunderten sich: Sind denn nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie kommt es, dass wir alle (etwas) in dem Dialekt hören, in dem wir geboren wurden? Parther und Meder und Elamiter und Bewohner des jüdischen Mesopotamiens, Kappadoziens, des Pontus und der Asia, Phrygiens und Pamphyliens, Ägyptens und der Gegenden Libyens bei Kyrene, und zugereiste Römer – gebürtige Juden und zum Judentum Konvertierte, Kreter und Araber, wir hören, wie sie mit unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden.“

    (Übersetzung angelehnt an Klaus Hacker, in: Die Apostelgeschichte, Stuttgart 2019)

    Kontextuelle Auslegung

    Lukas findet es notwendig, nach seinem Evangelium ein zweites Buch zu schreiben, die ApostelInnengeschichte. Für gewöhnlich heißt es, da ginge es um die Geschichte der Kirche, die sich allmählich aufbaut. Und Pfingsten sei sozusagen die Gründungsversammlung der Kirche, so habe ich das in einschlägigen Kommentaren gelesen. Das hätten die heutigen Kirchenherren gern…Aber so einfach ist es nicht, wieder mal nicht.

    Lukas empfindet, dass die Jesusgeschichte wieder neu erzählt werden muss, dieses Mal aus der Perspektive, was sie in den Menschen und Jesusgruppen unter neuen Bedingungen auslöst. Die neue Bedingung, unter der die Menschen leben müssen, das ist die zunehmende Macht des römischen Imperiums, das die ganze Welt zu beherrschen scheint. Es besetzt mit militärischer Macht eben nicht nur ganze Länder, sondern es besetzt auch die inneren Landschaften der Menschen. Wie kann man da die Hoffnungsgeschichte Gottes mit seinem Volk, die einen ganz anderen Weg und eine andere Lebenspraxis beschreibt, in Gang halten?

    So „beamt“ Lukas seine Zuhörer und Zuhörerinnen innerlich nach Jerusalem, das es ja gar nicht mehr gibt. Aber hier schlug das Herz des Judentums, von hier soll „das Jüdische“ sich wieder ausbreiten bis an die „Enden der Erde“ – als Gegenbewegung zur Ausbreitung des römischen Imperiums. Diesen Gedanken hat Lukas von Paulus, der seine Gemeindegründungen in den wichtigsten Städten des Reiches auch verstanden hat als Widerstand im Inneren des Imperiums. Deshalb seine Überzeugung: Wir gehören nicht dieser politeuma an, wir sind Bürger und Bürgerinnen eines ganz anderen Reiches…

    So leben die Juden unter den vielen unterworfenen Völkern – sie werden hier einzeln aufgezählt - immer noch ausgerichtet auf Jerusalem hin, ihr zerstörtes Zentrum. In der Realität sind sie zerstreut – hier in dieser Geschichte sammelt Lukas sie um die Jesusleute, die umwirbelt sind von der Geistkraft Gottes.

    Denn der befreiende Atem Gottes kommt mit lautem Getöse daher gefahren. Er ist wie der Sturm, der das Wasser des Meeres auseinandertrieb, damit das Volk auf seiner Flucht und Befreiung aus der Sklaverei trockenen Fußes durchgehen konnte. Damals der befreiende Sturmatem Gottes – heute der befreiende Sturmatem Gottes! Wie damals wird man auch dieses Mal durchkommen, denn der Atem Gottes ist wieder mal am Werk.

    Nach dem Getöse und Brausen – nach dem Hören – kommt nun das Sehen. Es zeigen sich Feuerzungen auf jedem und jeder, auf allen. Lukas kennt seine Schriften, denn in Dtn 4, 35 lesen wir:

     „Du wurdest sehen gemacht, zu erkennen,

    dass er Gott ist, keiner sonst außer ihm.

    Vom Himmel ließ er seinen Schall dich hören,

    dich in Pflicht nehmen,

    auf der Erde ließ er dich sein großes Feuer sehen,

    seine Reden hörtest du mitten aus dem Feuer.“

     

    Warum Feuer und Gotteswort zusammen gehören, erzählt eine schöne, alte jüdische Geschichte:

    „…wenn die Lehrer die Worte der Tora aneinanderreihten und von den Worten der Tora zu den Propheten gingen und von den Propheten zu den Schriften, dann beleckte sie Feuer, und die Worte freuten sich wie damals, als sie vom Sinai her gegeben wurden; denn wurden sie nicht im Feuer gegeben? Der Berg entzündet im Feuer bis an das Herz des Himmels.“

    Wenn die Schriftkundigen die Schrift lesen und ihre Teile miteinander ins Gespräch bringen,  dann ist das wie damals am Sinai! Die Worte selbst freuen sich, dass sie aktiviert werden. Das Wort Gottes verbraucht sich nicht, immer neu entzündet es das Feuer der Erkenntnis in den Menschen, im Kopf und im Herzen.

     

    Aber hier, am Pfingstfest, legt sich die Flamme des Gotteswortes, der Tora, auch auf die, die das Auslegen nicht gelernt haben. Hier und heute legt jede und jeder die Schriften aus und lobt Gott! Der Geist, der auf sie kommt, befähigt sie dazu!

    Und zwar alle gleichermaßen…

     

    Durcheinandergebracht – so heißt es wörtlich - sind nun alle zusammengelaufenen Juden durch die Sprache, die sie hören. Lukas schreibt hier: „unser Dialekt, in dem wir geboren sind“ – das ist die hebräische Sprache, die Sprache der Tora, die allen Juden gemeinsam ist, egal, wohin es sie in der Welt verschlagen hat. Aber sie hören es anders, als sie es gewohnt sind. Es sprechen nämlich andere Leute als sonst, aber sie sprechen die Sprache der Tora, die Sprache des Lobes Gottes.

    Das macht sie durcheinander: Dass es Galiläer sind, die hebräisch sprechen und dann auch noch kenntnisreich über die Tora! Das erinnert daran, dass Galiläa in der jüdischen Geschichte eine besondere Rolle gespielt hat. Hier war der Widerstand gegen die römische Besatzung besonders stark – und außerdem begann die Jesusbewegung in Galiläa! Wer also zu Jesus gehört, ist in der Lage, Tora und Gotteslob so zu sprechen, dass die Worte neu erklingen und neu gehört werden können.

     

    Das Wort Gottes kann sich Gehör verschaffen durch diese Jesusleute, es will mit ihrer Hilfe Sturm und Flamme und Befreiung sein. Darauf zielt Lukas mit seiner Geschichte: Unter den Bedingungen des römischen Reiches braucht das Wort Gottes vor allem diese begeisterten Jesusleute, um gehört zu werden.

     

    Denn wie sonst wäre es zu schaffen, die Welt zu durchsetzen mit einer ganz anderen Überzeugung, gerichtet gegen die zerstörerische Macht des römischen Reiches? Wie sonst wäre das zu machen, die Welt zu entgiften von Gewalt, Vorteilsnahme, Korruption, Postengeschacher, Konkurrenz, Missgunst, Unrecht…Das Wort Gottes muss viele Menschen erfassen und jede und jede, die davon ergriffen ist, muss das Recht haben, darüber zu sprechen.

    Dass wir uns an Pfingsten daran erinnern, was unsere Aufgabe und Möglichkeit ist, unser Auftrag und unsere Stärke, unser größtes Geschenk, das wünsche ich mir sehr.

    Die schöne, alte Pfingstsequenz gibt wieder, wo und warum wir die befreiende Geistkraft Gottes so nötig brauchen:

    Komm herab, o Heil‘ger Geist,
    der die finstre Nacht zerreißt,
    strahle Licht in diese Welt.

    Komm, der alle Armen liebt,
    komm, der gute Gaben gibt,
    komm, der jedes Herz erhellt.

    Höchster Tröster in der Zeit,
    Gast, der Herz und Sinn erfreut,
    köstlich Labsal in der Not,
    in der Unrast schenkst du Ruh,
    hauchst in Hitze Kühlung zu,
    spendest Trost in Leid und Tod.

    Komm, o du glückselig Licht,
    fülle Herz und Angesicht,
    dring bis auf der Seele Grund.
    Ohne dein lebendig Wehn
    kann im Menschen nichts bestehn,
    kann nichts heil sein noch gesund.

    Was befleckt ist, wasche rein,
    Dürrem gieße Leben ein,
    heile du, wo Krankheit quält.
    Wärme du, was kalt und hart,
    löse, was in sich erstarrt,
    lenke, was den Weg verfehlt.

    Gib dem Volk, das dir vertraut,
    das auf deine Hilfe baut,
    deine Gaben zum Geleit.

    Lass es in der Zeit bestehn,
    deines Heils Vollendung sehn
    und der Freuden Ewigkeit.

  • 17. Mai - 6. Ostersonntag

    Unter der Rubrik „Welt im Fieber“ veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung jeden Tag einen Bericht aus einem anderen Land unter folgender Maßgabe:

    „Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Kenia“  

    Der Artikel, erschienen am 12. Mai 2020, ist ein wunderschöner praktischer Kommentar zum Evangelium Joh 14,15-21. Ich schlage vor, zuerst diese berührende Geschichte zu lesen. Und dann erst den Evangelientext. Dann hört man den Text, der vom Bleiben in der Liebe mit aufmerksameren Ohren und Herzen…. 

    Die Geschichte trug den Titel: 

    „Die Güte von Fremden – Ein paar Köpfe Kohl und einige solidarische Frauen können hier in Kenia alles ändern“ und stammt von Von Zukiswa Wanner

     „Ich habe Sukumawiki-Kohl im Garten“, schrieb Veronica der Frauen-Whatsapp-Gruppe, in der ich seit Dienstag bin. „Du kannst vorbeikommen und etwa für die Frauen vor dem Tor holen.“ So ging ich am Dienstag, dem Tag, an dem zum ersten Mal etwas über die Frauen vor dem Tor meiner Gated Community in dieser Zeitung stand, früh aus dem Haus, um zu Veronica zu gehen, die zu Fuß 15 Minuten entfernt wohnt. Als ich mit einem großen Beutel voller Gemüse zurückkam, stand nur eine einzige Frau am Tor. Ich gab ihn ihr und bat sie, mit den anderen Frauen zu teilen, wenn sie kämen.

    Später wollte ich nachsehen, ob die Frau das Gemüse auch wirklich geteilt hatte.  Ich gebe zu: ich bin ein skeptischer Mensch. Die Sonne brannte heiß. Sie war als erste angekommen. Jetzt hatte sie ihr Kangatuch auf dem Boden ausgebreitet, da, wo ein bisschen Schatten war, und schlief. Etwas an dieser Frau erinnerte mich an meine verstorbene Großmutter. Wie sie dort lag und einen Frieden zu erleben schien, den sie wach vermutlich nicht kannte. Sie hatte den gleichen Teint und war ungefähr so alt, wie meine Großmutter es war, als ich als Sechs- bis Zehnjährige bei ihr wohnte und in die Dorfschule ging. 

    Meine Großmutter legte auch oft ihre Kanga unter den Guavenbaum in ihrem Hof und schlief. An heißen Donnerstagen, wenn niemand im Dorf auf die Felder ging. Aber diese Frau war hier nicht zu Hause. Ich fragte mich, wie sie auf einem Gehweg voller vorbeilaufender Menschen so entspannt sein konnte. Vielleicht fühlte sie sich sicher, weil sie wusste, dass die anderen Frauen jetzt da waren und auf sie aufpassten. Ich wollte sie nicht stören. Aber ob sie das Gemüse geteilt hatte, das wollte ich doch wissen.

    Bevor ich fragen konnte, fingen die Frauen, die mich sahen, an zu applaudieren. „Asanta dada“, sagten sie. Danke, Schwester. Es waren keine Tränen, die mi in die Augen stiegen. Ich bin sicher, dass es an den Zwiebeln lag, die ich vorher fürs Mittagessen geschnitten hatte. Ich musste sie schnell korrigieren, ihnen sagen, dass sie die Falsche lobten. „Mir braucht ihr nicht zu danken“, sagte ich, „sondern Veronica. Das Gemüse kommt aus ihrem Garten.“ Ob eine von ihnen nächsten Dienstag mitkommen und ihr persönlich danken wolle? Jemand schlug die Doppelgängerin meiner Großmutter vor, die jetzt wieder wach war. Sie ist immer als erste da, sagten sie.

    Nachdem ich das geklärt hatte, ging ich zurück nach Hause und bat die Frauen in der Whatsapp-Gruppe, sich mit mir bei Veronica zu bedanken. Eine der Frauen, Njoki, schrieb mir: Ich habe ein paar Kohlköpfe, die ich morgen vorbeibringen kann. Wieviele Frauen sind es?

    Ich ging nochmal zum Tor, um zu fragen, weil die Zahl der Frauen von Tag zu Tag schwankt. Fünfzehn, war die Antwort. „Ich bin nicht sicher, ob sie genug Kohl für fünfzehn Leute hat“, sagte ich. „Das ist schon in Ordnung, dada. Sie kann bringen, was sie hat, und wir geben es denen von uns, die es am dringendsten brauchen.“ Die Großzügigkeit dieser Frauen machte mich demütig. Ich sehe so etwa nicht oft. Meine Augen wurden wieder feucht. Ich behaupte nicht, dass es an den Zwiebeln lag. Ich zwinkerte, weil wir uns ja nicht ins Gesicht fassen sollen.

    Am Donnerstag brachte Njoki die Kohlköpfe. Sie konnte jeder Frau zwei mitgeben. Ich hoffe, das reich, um sie und ihre Familien zu versorgen. Zusammen mit dem, was sie hoffentlich sonst noch bekommen, bis wir Veronica nächste Woche wieder besuchen können. Es war nicht umsonst, dass ich in dieser Kolumne über die Frauen geschrieben habe. Eine SZ-Leserin hat mir geschrieben. Sie hat eine Zeitlang in Kenia gearbeitet und wusste nicht, wie schlimm die Lage hier ist. Sie will helfen.

    Wenn ich jetzt nachdenke, an einem bewölkten Tag in dieser Stadt in Ostafrika, fallen mir ein paar Dinge auf. Während dieser Pandemie kommen sinnlos Menschen ums Leben. Auf diesem Kontinent gibt es mächtige Menschen, die Zugriff auf Beatmungsgeräte und Gesundheitsversorgung haben werden, an die sonst niemand herankommt. Trotzdem gibt es noch menschliche Güte. Danke, Veronica. Danke, Njoki. Und, wenn Du das heute liest: Danke, Brigitte. Eure Güte bewirkt, dass ich mir selbst mehr Mühe gebe, gütig zu sein.“


    Joh 14,15-21 - Seid solidarisch mit mir

    „Wenn ihr mit mir solidarisch seid,
    sollt ihr meine Gebote wahren.
    Ich werde den Vater fragen,
    und er wird euch einen Anwalt geben,
    damit er mit euch ist bis zur kommenden Weltzeit:
    den Geist der Wahrheit,
    die die Weltordnung nicht annehmen kann,
    weil sie den Geist nicht sieht und nicht erkennt.
    Ihr erkennt die Geistkraft,
    denn bei euch bleibt sie beständig,
    mit euch wird sie da sein.
    Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen,
    ich komme zu euch.
    Noch ein wenig, und die Weltordnung beachtet mich nicht mehr,
    ihr aber beachtet mich,
    denn ich lebe und ihr werdet leben.
    An jenem Tag werdet ihr erkennen, 
    dass ich mit dem Vater bin
    und ihr mit mir und ich mit euch.
    Wer meine Gebote behält und sie wahrt,
    der ist es, der solidarisch ist mit mir, 
    der wird Solidarität durch meinen Vater erfahren,
    ich werde solidarisch mit ihm sein,
    ich werde mich selbst vor ihm als wirklich erweisen.“

    (Übersetzung: Ton Veerkamp)


    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 10. Mai - 5. Ostersonntag

    Johannes 14,1-12   Abschiedsreden    Fünfter Ostersonntag 2020

    Es sind genau 75 Jahre her, dass der zweite Weltkrieg zu Ende ging. Zeugen, die noch leben, waren damals noch Kinder oder Jugendliche. In einigen Gesprächen an der „Augusta“ kamen die Schrecken des Krieges und des Kriegsendes zur Sprache und verbanden sich mit der Panik in den ersten Wochen der Coronakrise. Die Angst von damals  war wieder da….Das sollte uns daran erinnern, wie tief und lang anhaltend Ängste und Gewalterfahrungen bei Kindern nachwirken; sie bleiben in das Körpergedächtnis eingeschrieben…

    Da passt ein tröstlicher Text wie die „Abschiedsreden“ aus dem Johannesevangelium ganz gut. 

    Der Text (in der Übersetzung von Ton Veerkamp)  

    „Euer Herz sei nicht erschüttert.

    Setzt euer Vertrauen auf Gott, euer Vertrauen setzt auf mich.

    Im Haus meines VATERS ist für viele ein Ort von Dauer.

    Wenn nicht, hätte ich es euch gesagt,

    denn ich gehe ja hin, euch einen Ort zu gründen.

    Und wenn ich gegangen bin und euch einen Ort gegründet habe,

    wiederum komme ich, um euch anzunehmen zu mir selbst,

    damit auch ihr seid, wo ich bin.

    Wohin ich gehe – ihr wisst den Weg.“

    Thomas sagt zu ihm:

    „HERR, wir wissen nicht, wo du hingehst.

    Wie können wir dann den Weg wissen?“

    Jesus sagt zu ihm:

    „Ich werde da sein: der Weg und die Treue und das Leben.

    Niemand kommt zum VATER, es sei denn durch mich!

    Wenn ihr mich erkannt habt,

    dann werdet ihr auch meinen VATER  erkennen.

    Und ab jetzt erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen!“

    Philippus sagt zu ihm:

    „HERR, zeige uns den VATER, und es genügt uns.“

    Jesus sagt zu ihm:

    „So lange Zeit bin ich mit euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus?

    Wer mich gesehen hat, hat den VATER  gesehen.

    Wie kannst du sagen: Zeige uns den VATER!

    Vertraust du nicht,

    dass ich mit dem VATER bin und der VATER mit mir ist?

    Die Worte, die ich euch sage, rede ich nicht von mir selbst aus.

    Der VATER, bleibend mit mir verbunden, tut seine Werke.

    Vertraut mir, dass ich mit dem VATER bin, der VATER mit mir ist.

    Wenn aber nicht,  dann vertraut wegen SEINER Werke.

    Amen, amen sage ich euch:

    Wer mir vertraut, der wird die Werke tun, die ich tue,

    ja, größere als diese wird er tun, da ich zum VATER gehe.“

     

    Kontextuelle Auslegung

    Bei Beerdigungen – in der fernen Zeit, als es noch Beerdigungen in größerer Trauergemeinschaft bei uns gab – hörte ich oft diesen Satz; sei es als Teil des vorgetragenen Evangeliums, sei es als Trostspruch am Grab: „Im Haus meines Vater sind viele Wohnungen – ich gehe hin, euch eine Wohnung zu bereiten“.  Das ist tröstlich in diesem Augenblick des Abschieds für immer und diese Worte aus dem Johannesevangelium sollten dort ruhig ihre Geltung und Wirkung behalten.

    Dennoch ist nicht zu übersehen, dass es hier nicht um den Himmel geht, sondern dass hier etwas anderes steht und vor allem etwas anderes gemeint ist als ein Trost in der persönlichen Trauer oder sogar eine Vertröstung auf das Jenseits.

    Rufen wir uns noch einmal kurz die Situation der Johannesgruppe in Erinnerung und ihre Besonderheit innerhalb der anderen Jesusgruppen am Ende des ersten Jahrhunderts: Sie wurde wegen ihres Bekenntnisses zum Messias Jesus von ihrer jüdischen Gemeinde angefeindet und ausgegrenzt. Man wollte sich gegenüber den römischen Behörden auf keinen Fall dem Verdacht aussetzen, „Messianisten“ in den eigenen Reihen zu dulden. Messianisten: das klang in den Ohren der römischen Verwaltung umstürzlerisch und staatsgefährdend; vor allem, weil dieser Jesus ja als Staatsfeind hingerichtet worden war…So nahmen die Gruppen, die sich zu Jesus bekannten, ein schweres Leben auf sich: sozial geächtet und gemieden, von den üblichen Versammlungen in den Synagogen zur Bibellektüre, zu Diskussion und Gebet ausgeschlossen und unter dem ständigen Verdacht, Unruhe zu stiften.  

    Dazu kamen weitere Konfliktlinien, nämlich innerhalb der sich vernetzenden Jesusgruppen und –gemeinden. Die Vielfalt und Buntheit der Jesusdeutungen und Messiasbekenntnisse, der engen oder weiten Sichtweisen, der Zusammensetzung und dem Miteinander dieser Gruppen, lässt sich heute nur noch erahnen aus den wenigen Schriftstücken, die erhalten geblieben sind. Aus den Gemeinden, die sich recht früh eine hierarchische Gemeindeordnung gaben und sie schriftlich fixierten, sind die Texte weitergereicht worden, um diese Ordnungen zu stabilisieren. So gelangten sie ins Neue Testament und sind dort erhalten geblieben – z.B. die Pastoralbriefe. Die Gemeinden, die eher auf die persönliche Spiritualität eines jeden und einer jeden einzelnen setzten und keine festen Strukturen ausbildeten, legten sich nicht auf schriftliche Ordnungen fest; und so wissen wir von ihnen sehr viel weniger.

    Im Johannesevangelium zeigt sich eine Jesusgruppe, die auf ihre eigenen theologischen Akzente Wert legte; so auch in unserem Text aus den sog. Abschiedsreden des Messias. Die Gruppe braucht Trost, Halt, Orientierung und Antwort auf die Frage: Wie bleiben wir mit dem Messias in Verbindung? Wie halten wir ihm die Treue, wenn wir derart unter Druck stehen? Es muss doch einen Platz geben für unsere Überzeugung, für unsere Gruppe – einen Ort, an dem wir bleiben können.

    Johannes tröstet seine Gruppe mit Abschiedsreden Jesu, eine schöne Idee!

    In diesen Abschiedsreden greift Jesus nach dem Bild vom Haus des Vaters. Das Haus des Vaters, das Haus Gottes, das war einmal für jeden frommen Juden der Tempel in Jerusalem. Den gibt es nicht mehr, den haben die Römer beim jüdischen Aufstand dem Erdboden gleich gemacht. Es muss also ein anderes Haus für Gott gebaut werden, eines, das nicht zerstört werden kann, eines, das von Dauer ist. Und eines, das für viele Platz bietet – auch für viele verschiedene Fähigkeiten von Menschen. Ein Haus, in dem der Weg Gottes gelebt werden kann und die Treue zu Gott lebendig und erfahrbar ist.

    In der hebräischen Bibel ist der Ort, ha maqom, oft auch einer der Namen Gottes. Gott selbst als der Ort, an dem Menschen sich sicher fühlen, Gott als Zufluchtsort…so haben es viele Menschen erfahren, so beten viele Psalmen Gott herbei…

    Wer Gott lebt, baut Gott dieses Haus. Die Gemeinde, die dem Messias Jesus treu bleibt, ist der Ort Gottes. Dieses Haus ist nicht weithin sichtbar und weiß strahlend aus prächtigem Marmor, wie der Tempel das einmal war. Dieses Haus besteht aus der Solidarität der Gemeinde untereinander und mit denen, die Hilfe nötig haben. Sie braucht kein Heiligtum, sie selbst ist das Heiligtum in der Nachfolgepraxis Jesu.

    In einem Text aus dem 2. Jhdt, dem „Dialog“, sagt der Christ Octavius zu Minutius Felix: „Glaubt ihr, dass wir verstecken, was wir verehren, wenn wir keine Priester, Heiligtümer und Altäre haben?“ Man traf sich einfach in Werkstätten und Räumen, die tagsüber anders in Gebrauch waren. Hier gab es am Abend zu essen, so dass keiner hungrig blieb – hier wurde gestritten und gebetet. Noch bis zum Ende des 2. Jhdt. waren die meisten Jesusgruppen davon überzeugt, dass man kein eigenes geweihtes Gebäude brauchte. Eine Taufe, so schreibt noch Justin der Märtyrer, kann dort vorgenommen werden, wo gerade Wasser ist. Und taufen konnte und durfte noch jede/r…

    Ich will keine Vergangenheitsromantik beschreiben – die Entwicklung ist recht früh und recht schnell über die Vielfalt und Offenheit des Anfangs  hinweggerollt. Ob die Kirche sich dabei die Substanz des Glaubens bewahrt hat, entscheidet sich in jeder neuen Herausforderung, auch in unserer Zeit. Wer braucht heute in der Zeit der Vereinsamung, der seelischen Belastungen, der Zukunftsängste Trost und menschliche Nähe, wer braucht Ermutigung? Wo zeigen und leben wir die solidarische Praxis Jesu im konkreten Dienst an Menschen?

    Dass der „Ort Gottes“ an ungewöhnlichen und gar nicht kirchlichen Orten aufscheinen kann, erzählt

    ein Text von Dorothee Sölle, aus dem Buch „Fliegen lernen“:

    der schottische richter nigel thomson

    verurteilte eine ladendiebin

    zum kuchenbacken

    ein halbes jahr lang soll sie

    jeden monat einen kuchen

    groß genug

    für vierundzwanzig rentner im altersheim backen

     

    das urteil des richters ist weise

    weil es zum nachdenken bringt

    über den wunsch geliebt zu werden

    und die seltsamen wege zu seiner erfüllung

    es ist eine ästhetische lösung

    weil die strafe sinnlich bleibt und der tat verbunden

    auch lehrt sie uns

    die hässlichkeit von geld und haftstrafen

    besser erkennen

    es ist ein heiteres urteil

    weil es uns heiterer macht

     

    der ungewöhnliche richter aus edinburgh

    hat die weisheit

    die schönheit

    und die heiterkeit der welt

    im mai 1978

    geringfügig vermehrt

     

    sagte das einer von dir oder mir

    wir hätten gut kuchen essen #

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 03. Mai - 4. Ostersonntag

    Der gute Hirte

    Es gibt Politiker, die betrachten das Volk als Schafherde, die der Richtung folgen soll, die sie vorgeben. Und es gibt Menschen, die empfinden die Situation gerade so: Die Regierung sagt, wo es lang geht und alle müssen sich fügen. Es ist gut für unsere Demokratie, dass es eine breite Auseinandersetzung um die Lockerung der Kontaktsperren gibt. Wenn die Exekutive zu lange alleine aktiv  ist in Zeiten der Bedrängnis, müssen sich Legislative und Judikative zu Wort melden und demokratisch empfindsame Menschen auch. Dabei ist aber zu unterscheiden, wer populistisch Stimmung erzeugen und wer mit seiner Meinung auch Verantwortung übernehmen will. Es wäre natürlich sehr zu wünschen, dass vor allem die Stimmen gehört würden, die aus der Krise lernen wollen; die das herrschende Wirtschaftssystem und Gewaltverhältnisse in Frage stellen. Das ist ja die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Krise“: Trennen, Auseinandersetzen, Beurteilen…

    Im heutigen Text ist vom einzigen guten Hirten die Rede und darin ist natürlich eine starke Anspielung an die schlechten Führer enthalten, die sich Hirten nennen. Johannes knüpft mit diesem Bild an seine Geschichte vom dritten Ostersonntag an: „Wenn Du solidarisch mit mir bist, weide meine Schafe….“ 


    Der Text - Johannes 10,1-15

    „Amen, amen, sage ich euch,
    wer nicht durch die Tür in den Hof hineingeht,
    sondern von woanders aufsteigt, ist ein Dieb und ein Terrorist.
    Wer durch die Tür hineingeht, ist Hirt der Schafe.
    Dem öffnet der Türhüter,
    die Schafe hören auf seine Stimme.
    Die eigenen Schafe ruft er mit Namen,
    er führt sie hinaus.
    Wenn er alles Eigene hinauswirft,
    geht er ihnen voran, und die Schafe folgen ihm,
    da sie wissen, es ist seine Stimme.
    Einem, der anders ist, werden sie keineswegs folgen,
    sondern vor ihm flüchten,
    weil sie die Stimme derer, die anders sind, nicht kennen.“
    Diesen Gleichspruch sagte Jesus zu ihnen:
    „Amen, amen, sage ich euch:
    ICH WERDE DA SEIN, die Tür der Schafe.
    Alle, die vor mir gekommen sind, waren Diebe und Terroristen,
    aber auf sie hören die Schafe nicht.
    ICH WERDE DA SEIN: die Tür.
    Wer durch mich hineingeht, wird befreit werden:
    Er wird hineingehen, er wird hinausgehen, er wird Weide finden.
    Der Dieb kommt nicht,
    es sei denn zum Stehlen, zum Hinschlachten und zum Vernichten.
    Ich bin gekommen, damit sie das Leben behalten,
    und im Überfluss behalten.
    ICH WERDE DA SEIN: der gute Hirt.
    Der gute Hirt setzt sein Leben für die Schafe ein.
    Der Tagelöhner, der ja nicht wie ein Hirt ist,
    nicht der Eigentümer der Schafe,
    beobachtet, wie der Wolf kommt; 
    er lässt die Schafe zurück und flüchtet,
    und der Wolf raubt und jagt sie auseinander.
    Weil er Tagelöhner ist, kümmert er sich nicht um die Schafe.
    ICH WERDE DA SEIN: der gute Hirt.
    Die mein sind, erkenne ich,
    die mein sind, erkennen mich,
    so wie der VATER  mich erkennt, erkenne auch ich den VATER, 
    und mein Leben setze ich für die Schafe ein.“ 


    Kontextuelle Auslegung:

    In meiner Grundschule (in den sechziger Jahren hieß das noch Volksschule) stand in der Eingangshalle eine Statue von Jesus, umringt von Schafen und Kindern. Ob mich das Bild als Kind getröstet oder geprägt hat, weiß ich nicht mehr. Aber heute spüre ich einen inneren Widerstand, weil ich weiß, wie sehr dieses Bild vom guten Hirten missbraucht wurde. Priester nannten sich Hirten, Bischöfe bezeichneten sich als Oberhirten…Wir merken schon, dass diese Titel nicht taugen;  zu leicht stellt sich die Assoziation von Obrigkeit und Hörigkeit ein. Das Bild passt nicht mehr; wer will schon als „dummes Schaf“ gelten? Wer will schon als Herdentier gesehen werden?

    In der Sprache des Kirchenrechts aber hat sich der Sprachgebrauch gehalten: Cura pastoralis – also „Hirtensorge“ – wird die Funktion des Gemeindeleiters und des Bischofs genannt. Auch das Wort „Pastoral“ meint wörtlich übersetzt „Hirtentätigkeit“. Es gibt Pastoralpapiere, Pastoralkonzepte, den Pastor…Auch im Begriff „Pastoralreferentin“ kommt es vor; und das gefällt mir nicht, weil ich die Anmaßung spüre, die mit diesem Wort verbunden ist.

    Wie aber hat Johannes das Bild gemeint? Auf welche kulturelle oder biblische Tradition griff er zurück, als er seinen Jesus so sprechen ließ? 

    Das Hirtenbild stammt aus dem politischen Sprachgebrauch patriarchaler Gesellschaften; so ist es auch von römischen Kaisern benutzt worden. Einige von ihnen liebten es, sich in einer Hirtenromanze als schützender Hirte darstellen zu lassen. Wer kritisch war, wusste genau: Kein Bild war verlogener, denn der Kaiser war ein Räuber und kein Hirte….

    Der Hirte, der sein Volk weidet, war auch ein Bild für die Könige Israels. Aber mit ihnen machte man vor allem schlechte Erfahrungen, so dass manche Propheten eher Wölfe in ihnen sahen, die die Herde kaputtmachen. So kam man zu der Überzeugung: Die Könige sind keine guten Hirten, guter und verlässlicher Hirte ist allein Gott, der für sein Volk sorgt.

    So lesen wir bei Ezechiel: „Darum, ihr Hirten, höret das Wort Gottes: weil meine Schafe zur Beute wurden und meine Schafe allem Wild des Feldes zur Beute dienten, da kein Hirte da war und die Hirten nicht nach meinen Schafen gesucht haben, und weil die Hirten sich selbst geweidet haben…siehe, ich komme über die Hirten und werde meine Schafe aus ihrer Hand fordern, ich werde ihrem Hirtenamt ein Ende machen…siehe, ich selbst will meine Schafe aufsuchen und nach ihnen sehen…ich will sie aus all den Orten befreien, wo sie an dunklen Tagen zerstreut wurden, ich werde sie zurückbringen. Ich selbst will sie weiden und ich selbst will sie lagern lassen, spricht Gott, der Herr.“

    Hier merken wir besonders deutlich, wie stark die Herrschaftskritik mit dem Bild vom Hirten verbunden ist. Hinzu kommt, dass der Johannestext nicht vom Schafsstall spricht, sondern vom „Hof“ und damit den Innenhof des Tempels meint. Er übt mit diesem Wort Kritik am gewalttätigen Widerstand der Zeloten, die im Jahr 67 unter der Führung des Johannes von Gischala in den Tempelhof eingestiegen waren und den Tempel besetzt hielten. Mitten im Krieg gegen die Römer errichteten sie dort ein Schreckensregime; sie plünderten, stahlen und schlachteten Menschen ab. 

    Der Unterschied zwischen dem Machterhalt von selbsternannten Hirten und der Hirtensorge Gottes liegt auf der Hand.

    Genau davon erzählt Psalm 23, der mit dem bekannten Satz beginnt: „Der Herr ist mein Hirte,  mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern, er führt mich zu frischen Wassern.“ Es geht weiter mit: „Dein Stock und Dein Hirtenstab geben mir Zuversicht…Du hast mir den Tisch bereitet vor den Augen meiner Feinde…Und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.“

    Dieser Psalm ist das Gebet eines Flüchtlings, der vor Verfolgung Schutz gefunden hat im Haus des Herrn, eben im Tempel. Die Fürsorge des göttlichen Hirten bestärkt hier nicht die eh schon Starken und schützt nicht die gesellschaftlich Herrschenden, sondern wendet sich den Schwachen und Verfolgten zu, die nicht nur um ihr Recht, sondern um ihre bloße Existenz bangen müssen. Bei Gott als Hirten und Herrn findet Schutz, wer von den Herren verfolgt wird…

    Wir ahnen jetzt, warum Johannes das Bild vom guten Hirten auf Jesus angewendet hat: Auf der einen Seite ist es seine Möglichkeit, Lügen und Gewalt der selbsternannten Führer anzuprangern. Und dann geht er über das Bild hinaus, denn kein Hirte gibt sein Leben für seine Schafe – das tut nur Jesus. Und weil er das tut, ist er der Messias Gottes. Nur Jesus ist der gute Hirte, weil er sich den Schutz der Herde etwas kosten ließ, nämlich sein Leben.

    Spätere Lesarten des Evangeliums und die weitere Entwicklung der Kirche haben das Bild vom Hirten auf Priester, Bischöfe und Papst übertragen und ein Hirtenamt daraus gemacht. 

    So lesen wir im Katechismus von 1956: „Der Papst und die Bischöfe sind die Hirten der Kirche. Sie haben die Vollmacht, Gesetze zu geben und kirchliche Strafen zu verhängen…Der oberste Hirt der Kirche ist der Papst…Durch den Papst und die Bischöfe regiert uns Christus, unser himmlischer Hirt….Die Gläubigen sollen ihren Hirten folgen und ihnen in der Hirtenarbeit helfen….“ 

    Damit verwandelt sich die ursprüngliche Herrschaftskritik des Bildes in eine Legitimation von Macht. Es ist schwer erträglich zu sehen, wie weit die Kirche sich vom biblischen Sinn des guten Hirten entfernt hat. Der selbstlose Messias verschwindet, seine Befreiung der Unterdrückten und seine Solidarität mit den Schutzlosen werden unkenntlich gemacht, sobald ein Hirtenamt entsteht.

    Pastor, Pastoralreferentin zu sein oder ein Leitungsamt in der Kirche zu übernehmen, kann also immer nur heißen: Auf den guten Hirten Jesus hinzuweisen – und nicht sich selbst als Hirten zu verstehen. Wir sind keine Hirten, die Gläubigen sind keine Schafe. Uns bleibt, in der Hirtentätigkeit Jesus nachzufolgen, im Suchen nach dem, was verloren zu gehen droht. 


    Weil das Hirtenbild in Psalm 23 unmittelbar tröstlich ist und kein Missverständnis aufkommen lässt, können wir ihn beten. Wir stellen uns damit in eine Jahrtausende alte Gebetstradition, die zu den Herzen ungezählter Menschen spricht und sie aufrichtet: 

    Trostgebet 

     „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts.
    Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern,
    zu Wassern der Ruhe leitet Gott mich sanft.
    Gott lässt meine Lebendigkeit zurückkehren.
    Gott führt mich auf gerechten Spuren –
    So liegt es im Namen Gottes.
    Wenn Finsternis tief meinen Weg umgibt,
    fürchte ich nichts Böses.
    Ja, du bist bei mir,
    dein Stab und deine Stütze – sie lassen mich aufatmen.
    Du bereitest einen Tisch vor mir,
    direkt vor denen, die mich bedrängen.
    Mit Öl salbst du mein Haupt.
    Mein Becher fließt über.
    Nur Gutes und Freundlichkeit
    werden mir alle Tage meines Lebens folgen,
    und ich werde zurückkehren in das Haus Adonajs
    für die Dauer meines Lebens.“

    Der hebräische Text (und auch die Vulgata!) vermeiden das Wort „Hirte“, sondern benutzen das Verb „weiden“. Das ist gegen unseren üblichen Sprachgebrauch an dieser Stelle … Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist dem ursprünglichen Text nahe geblieben. Aber es passt ganz gut zu Kurt Martis berühmtem Wort: „Gott ist ein Tätigkeitswort“ … 


    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 26. April - 3. Ostersonntag

    Johannes 21,1-23

    Die Rheinzeitung brachte am vergangenen Mittwoch auf ihrer Kulturseite einen Artikel über sog. „Bibliotherapeuten“. Das sind Leute, die in ihrer Psychotherapie auf die verändernde und heilende Kraft von Büchern, von Geschichten und Gedichten setzen. Mich hat das sofort an Erick Kästners „Lyrische Hausapotheke“ erinnert und die wurde dann auch zitiert. „Lesen ist Medizin“, sagt eine der Therapeutinnen. Weil Texte innere Bilder und damit  Emotionen und Ideen auslösen, trösten, Fragen stellen oder konfrontieren, entsteht ein Nachdenken über sich selbst. Und daraus kann eine veränderte Handlungsweise erwachsen. Natürlich wollen alle biblischen Texte genau das: In das Leben eingreifen und Veränderung zum Guten hervorrufen; sei es als Heilung der Seele, sei es als Versöhnungsangebot, sei es als Handlungsimpuls. Besonders deutlich wird das am heutigen Evangelientext…


    Der Text (in der Übersetzung nach Ton Veerkamp):

    „Danach ließ sich Jesus nochmals den Schülern öffentlich sehen, am See von Tiberias.
    Er ließ sich wie folgt sehen:
    Es waren zusammen Simon-Petrus, Thomas, genannt Zwilling, und Natanael aus Kana in Galiläa, 
    sowie die Söhne des Zebedäus und von seinen Schülern noch zwei.
    Simon-Petrus sagte zu ihnen:
    „Ich gehe fischen.“
    Sie sagten zu ihm:
    „Auch wir kommen mit dir.“
    Sie gingen weg und stiegen ins Boot.
    Und in jener Nacht fingen sie nichts.
    Als es früh geworden war, stand Jesus am Strand,
    die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war.
    Jesus sagt also zu ihnen:
    „Kinder, habt ihr nichts zu essen da?“
    Sie antworteten ihm: „Nein.“
    Er aber sagte zu ihnen:
    „Werft an der rechten Seite des Bootes das Netz aus, ihr werdet finden.“
    Sie warfen es aus und waren nicht in der Lage, es hochzuziehen,
    wegen der Menge der Fische.
    Nun sagte der Schüler, dem Jesus solidarisch verbunden war, zu Petrus:
    „Es ist der HERR!“
    Als nun Simon-Petrus hörte, dass es der HERR war,
    zog er das Oberkleid um sich, denn er war nackt, und warf sich in den See.
    Die anderen Schüler kamen mit dem Boot,
    denn sie waren nicht weit vom Land, etwa zweihundert Ellen,
    wobei sie das Netz mit den Fischen mitschleppten.
    Als sie nun an Land gingen, sahen sie ein brennendes Kohlenfeuer,
    Beilage lag darauf und Brot.
    Sagt Jesus zu ihnen: 
    „Bringt etwas von den Beilagen, die ihr jetzt gefangen habt!“
    Also ging Simon-Petrus wieder weg und zog das Netz an Land,
    es war voll mit großen Fischen, hundertdreiundfünfzig.
    Obwohl es so viele waren, riss das Netz nicht.
    Jesus sagt nun zu ihnen: „Kommt, esst!“
    Niemand von den Schülern wagte es, ihm auszufragen:
    „Wer bist du“, wohl wissend, dass es der Herr war.
    Jesus kam, 
    nahm das Brot,
    gab es ihnen,
    und die Beilage ebenso.
    Es war das dritte Mal,
    dass Jesus von den Schülern öffentlich gesehen wurde,
    aufgerichtet aus den Toten.
    Als sie nun gegessen hatten,
    sagt Jesus zu Simon-Petrus:
    „Simon, Sohn des Johannes,
    bist du mir solidarisch verbunden, mehr als die anderen?“
    Er sagt zu ihm:
    „Ja, HERR, du weißt, dass ich dir in Freundschaft verbunden bin.“
    Er sagt zu ihm: „Hüte meine Lämmer!“
    Sagt er wieder zu ihm, zum zweiten Mal:
    „Simon, Sohn des Johannes, bist du mir solidarisch verbunden?“
    Er sagt zu ihm:
    „Ja, HERR, du weißt, dass ich dir in Freundschaft verbunden bin.“
    Er sagt zu ihm:
    „Sei Hirte meiner Schafe.
    Er sagt zu ihm zum dritten Mal:
    „Simon, Sohn des Johannes, bist du mir wie mit einem Freund verbunden?“
    Es schmerzte Petrus, dass er ihm zum dritten Mal gesagt hatte:
    Bist du mir in Freundschaft verbunden?
    Er sagt zu ihm:
    „HERR, alles weißt du.
    Du erkennst doch, dass ich dir in Freundschaft verbunden bin!“
    Er sagt zu ihm:
    „Hüte meine Schafe! Amen, amen, ich sage dir:
    Als du jünger warst, hast du dich selbst umgürtet,
    du gingst deinen Gang, wo immer du wolltest.
    Wenn du älter sein wirst, wirst du deine Hände ausstrecken.
    Ein anderer wird dich umgürten und dich dorthin bringen,
    wohin du nicht willst.“
    Das sagte er, bezeichnend,
    durch welchen Tod er Gott ehren werde. 
    Als er das gesagt hatte, sagt der ihm:
    „Folge mir!“
    Petrus drehte sich um, er sah den Jünger, dem Jesus solidarisch verbunden war, folgen.
    Dieser war es auch, der sich während der Mahlzeit an die Brust Jesu gelehnt hatte: „HERR, wer ist es, der dich ausliefert!“
    Petrus sah ihn also und sagte zu Jesus:
    „HERR, was ist mit dem?“
    Jesus sagte zu ihm:
    „Wenn ich will, dass er durchhält, bis ich komme, was geht dich das an? 
    Du folge mir!“
    Es ging dieses Wort bei den Brüdern um,
    dass dieser Schüler nicht sterben wird.
    Jesus hatte ihm aber nicht gesagt, dass er nicht sterben werde,
    vielmehr: „Wenn ich will, dass er durchhält, bis ich komme…“


    Kontextuelle Auslegung

    Eigentlich endet das Johannesevangelium mit der Geschichte über den Zweifler Thomas. Schon recht früh wurde dem Evangelium ein Textstück angefügt, das nicht aus der Feder des Johannes stammt. Der Schreiber (oder die Schreiberin?) hatte gute Gründe, diesen Abschnitt hinzu zu fügen. Der Text versucht eine Versöhnung der sehr eigenen Johannesgruppe mit dem Rest der Jesusbewegung. Die war dabei, sich immer stärker zu vernetzen, wobei sie sich allmählich vereinheitlichte und unter den Führungsanspruch der sog. „Petruslinie“ geriet. Damit konnte die Johannesgruppe sich nur schwer arrangieren. Hilfreich kann bei Konfliktlagen eine vermittlende Geschichte sein, die Leute mitnimmt und die gut erzählt ist. 

    So kommt es, dass Petrus in diesem Text eine besondere Rolle spielt, wie ja sonst nie im Johannesevangelium; ausgerechnet Petrus, der auch in den anderen älteren Evangelien als unzuverlässig dargestellt wird! Dort sind andere Glaubenszeugen im Vordergrund: Andreas, Martha, Maria von Magdala, Johannes….

    So hört Petrus von Andreas die Botschaft: „Wir haben den Messias gefunden.“ Und Andreas führt ihn zu Jesus. Martha spricht noch vor Petrus das Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott.“ Und Maria von Magdala  ist die erste Auferstehungszeugin und geht zu Petrus, um ihn zu überzeugen. Immer sind es die anderen, die zuerst wissen, dass Jesus der Messias oder der Auferstandene ist. Der Glaube des Petrus braucht durchgängig das Glaubenszeugnis der anderen, sein Glaube entsteht aus dem Glauben der anderen. Das ist auch ein Spiegel der Kritik am Führungsanspruch der entstehenden Petruslinie. 

    Das kommt auch in dieser Geschichte vor: Der Jünger, der zu Jesus eine besondere Beziehung hat, erkennt Jesus zuerst und dadurch erfährt es erst Petrus. Aber dann läuft Petrus zur Hochform auf: Obwohl das Boot den gleichen Weg nimmt, schmeißt er sich ins Wasser, um vor den anderen am Ufer anzukommen. Und er ist es, der allein genügend Kraft aufbringt, das volle Netz – die Jesusbewegung -  an Land zu ziehen. Hier hat er eine Vorreiterrolle – aber auch nicht uneingeschränkt.  

    Denn Petrus ist nach wie vor auf das Glaubenszeugnis des Lieblingsjüngers angewiesen, um Jesus überhaupt zu erkennen. Das ist gegen die Gefahr angeschrieben, das Leitungsamt könnte sich vom Glaubenszeugnis der anderen absetzen und verabsolutieren. Und es gibt der Eigenheit der Johannesgemeinde ein bleibendes Gewicht. 

    Den Frieden mit dem Führungsanspruch der Petruslinie schließt diese besondere Jesusgruppe unter bestimmten Bedingungen – und die ergeben sich aus der nun folgenden berühmten dreimaligen Befragung des Petrus. 

    In dieser Befragung zeigt sich, unter welcher Bedingung es überhaupt ein Leitungsamt in der Kirche geben darf. Dreimal wird Petrus von Jesus selbst gefragt, ob er ihn liebe. Wir übersetzen das besser mit: Bist du solidarisch mit mir? Bist du solidarischer als andere mit dem leidenden Messias, mit den Leidenden überhaupt? Können andere an dir diese Solidarität ablesen? 

    Bist du in dieser Haltung den Armen und Leidenden gegenüber vorbildlich?

    Dreimal fragt Jesus den Petrus – dreimal hatte er ja in seiner Angst nach der Verhaftung Jesu seine Solidarität mit dem Messias geleugnet…Johannes ruft das Versagen des Petrus nochmal in Erinnerung an dieser Stelle. 

    Die Voraussetzung dafür, mit der Leitung beauftragt zu werden, ist, in der Solidarität mit den Leidenden anderen ein Vorbild zu sein. Erst diese solidarische, liebende Beziehung zum gekreuzigten Messias, der für alle Gekreuzigten steht, ist die Grundbedingung, unter der Leitung übernommen werden darf.  

    Nicht, ob jemand gut reden kann, ob er sich in den Medien gut macht, nicht ob jemand Führungsqualitäten hat oder die Bewunderung anderer genießt: Entscheidend ist die liebende Solidarität mit den Opfern der Geschichte und die Bereitschaft, genau darin Jesus nachzufolgen. 

    Das stellt natürlich auch Fragen an die Aufgabe der Kirchen und Kirchenleitungen in der Corona-Krise. Nach den Maßstäben des Johannesevangeliums wäre jetzt die Stunde kreativ tätiger Pastoral und weniger die Stunde von Fernsehgottesdiensten.    

    Auch über die Art und Weise, wie Leitung ausgeübt werden soll, gibt das Johannesevangelium Aufschluss:

    Das Glaubenszeugnis der anderen gilt vor dem des Petrus, auch andere dürfen reden und Zeugnis ablegen von der Hoffnung, die sie trägt. Leitung gibt es in der „Kirche“ nicht ohne die Glaubenserkenntnisse der anderen. Wer leitet, hat den anderen im Glauben nichts voraus…kein Bischof, kein Papst, kein Priester…

    O je, schon wieder kratzt das Evangelium an unserem überkommenen Kirchen- und Amtsverständnis! Es ist ja höchste Zeit, es zu entrümpeln…


    Statt Bittgebet ein ermutigendes Gedicht aus Erich Kästners 

    „Lyrischer Hausapotheke“; es heißt „Prima Wetter“ und passt ganz gut zur Frühlingsluft (auch wenn jetzt Regen besser wäre!):

    Wo sind die Tage, die so traurig waren
    und deren Traurigkeit uns so bezwang?
    Die Sonne scheint, Das Jahr ist sich im Klaren.
    Es ist, um schreiend aus der Haut zu fahren
    und als Ballon am blauen Himmel lang!

    Die grünen Bäume sind ganz frisch gewaschen.
    Der Himmel ist aus riesenblauem Taft.
    Die Sonnenstrahlen spielen kichernd Haschen.
    Man sitzt und lächelt, zieht das Glück auf Flaschen
    und lebt mit sich in bester Nachbarschaft.

    Man könnte, denkt man, wenn man wollte, fliegen.
    Vom Stuhle fort. Mit Kuchen und Kaffee.
    Auf weißen Wolken wie auf Sofas liegen
    und sich gelegentlich vornüber biegen
    und denken: „Also, das dort ist die Spree.“

    Man könnte sich mit Blumen unterhalten
    und Wiesen streicheln wie sein Fräulein Braut.
    Man könnte sich in Tausend Teile spalten
    und vor Begeisterung die Hände falten.
    Sie sind nur gar nicht mehr dafür gebaut.

    Man zieht sich voller Zweifel an den Haaren.
    Die Sonne scheint, als hätte es wieder Sinn.
    Wo sind die Tage, die so traurig waren?
    Es ist, um förmlich aus der Haut zu fahren.
    Die größte Schwierigkeit ist nur: Wohin? 

    (aus: Erich Kästner, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, dtv-Taschenbuch 1988)


    Jutta Lehnert, Pastoralerferentin

  • 19. April - 2. Ostersonntag

    Joh 20, 19-31 

    Ein leichtes Aufatmen geht durch unser Land, weil es erste Lockerungen der Einschränkungen gibt und weitere in Aussicht gestellt wurden. Aber gleichzeitig nehmen wir wahr, wie in fernen Orten der Welt Leid, Not und Tod uferlos um sich greifen. Dass wir im sichersten Land der Welt leben, ruft uns in eine ganz besondere Verantwortung gegenüber denen, die jetzt wehrlos den Entwicklungen und Konkurrenzkämpfen ausgeliefert sind. Wir ahnen nicht nur, nein, wir wissen es: Unser Vorteil ist der Nachteil anderer. Vor diesem Hintergrund lesen wir das heutige Evangelium, das uns in der Treue zu Jesus stärken will und damit unsere Solidarität mit den Ärmsten.

    Mit dem heutigen Text aus Kapitel 20 endet das ursprüngliche Johannesevangelium; Kapitel 21 ist ein früher Nachtrag aus einer anderen Feder. Wenn man das im Hinterkopf hat, hört man das altbekannte Stück um den Zweifler Thomas mit anderen Ohren: Es bekommt mehr Gewicht als letzte Einschärfung, doch dem Messias Jesus treu zu bleiben und – so übersetzt Ton Veerkamp so schön – eine/r seiner Getreuen zu werden und dies als Lebensaufgabe zu verstehen. 

    Der Text: 

    „Als es spät geworden war, an jenem Tag eins der Schabbatwoche, 
    und dort, wo die Schüler waren, die Türen aus Furcht vor den Jehudim verschlossen waren,
    kam Jesus,
    stellte sich in die Mitte,
    und sagt ihnen:
    „Friede mit euch!“
    Als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite.
    Die Schüler freuten sich, als sie den Herrn sahen.
    Noch einmal sagte Jesus ihnen:
    „Friede mit euch!
    Wie der Vater mich gesandt hat,
    so schicke ich euch.“
    Als er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagt zu ihnen:
    „Nehmt an Inspiration der Heiligung.
    Wenn ihr irgendwelchen Verirrungen vergebt,
    mögen sie ihnen vergeben werden.
    Soweit ihr bei ihnen Verstockungen bleiben lasst,
    bleiben sie verstockt.“
    Thomas aber, einer der Zwölf, Zwilling genannt,
    war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
    Die anderen Schüler sagten also zu ihm:
    „Wir haben den Herrn gesehen!“
    Der aber sagte zu ihnen:
    „Wenn ich in seiner Hand die Schlagstelle der Nägel nicht sehe,
    nicht meinen Finger in die Schlagstelle der Nägel stecke,
    nicht meine Hand in seine Seite stecke,
    vertraue ich auf gar keinen Fall.“
    Und nach acht Tagen waren seine Schüler wieder drinnen,
    auch Thomas war bei ihnen.
    Jesus kam – die Türen waren verschlossen -,
    stellte sich in die Mitte und sagte:
    „Friede mit euch!“
    Dann sagte er zu Thomas:
    „Nimm deinen Finger hierhin, sieh meine Hände,
    nimm deine Hand und stecke sie in meine Seite,
    werde nicht zum Treulosen, sondern zum Getreuen.“
    Thomas antwortete, er sagte zu ihm:
    „Mein Herr und mein Gott!“
    Jesus sagt zu ihm:
    „Weil du mich gesehen hast, hast du mir vertraut.
    Glücklich, die nicht sahen, dennoch vertrauten.“
    Zwar hat Jesus noch viele andere Zeichen 
    vor dem Angesicht der Schüler getan,
    die nicht in diesem Buch aufgeschrieben worden sind,
    diese aber sind aufgeschrieben worden,
    damit ihr vertraut, dass Jesus der Messias ist, Sohn Gottes,
    damit ihr als Getreue Leben der kommenden Weltzeit habt,
    mit seinem Namen!“


    Kontextuelle Auslegung

    Was Angst aus Menschen machen kann: sie kann einschüchtern und gefügig machen, Angst kann lähmen, nicht nur die Beine, auch das Hirn, sie kann die Kreativität einfrieren, die Phantasie. Wer Angst hat, sieht nur noch Mauern um sich und Bedrohung….

    Es ist unglaublich, aber so endet das ursprüngliche Johannesevangelium: Wir sind noch am „Tag eins“, dem großen Hoffnungstag -  und der Ruf zur Veränderung soll in einem engen Raum verkommen! Nichts anderes sind sie ja, die Jünger der Johannesgemeinde: Ein eingeschüchterter, verängstigter Haufen, der sich in das Innerste eines Hauses verbarrikadiert hat.

    Da drängen sich Vergleiche zur auferlegten Isolation in der Corona-Krise auf; die Angst, das Virus könnte überhand nehmen, verurteilt zum Verbleiben in den eigenen vier Wänden, zum Erliegen des Lebens auf der Straße, in den Schulen, in den Theatern…Auch wenn vieles an Kommunikation über das Internet läuft, laute Stimmen, Versammlungen Gleichgesinnter, kritische Meinungsbekundungen in der Öffentlichkeit, sichtbare Auseinandersetzungen, die zu jeder Demokratie gehören, sind eingefroren. Worte und wichtige Botschaften, die Menschen zusammenführen und ermutigen, dringen nicht nach draußen.

    Aber hier endet auch schon die Parallele… 

    Im Johannesevangelium werden die Wände der Angst von außen aufgebrochen: Der Auferstandene tritt ein. Aber sein Auftritt scheint keine große Wirkung gehabt zu haben; jedenfalls sitzen sie nach einer Woche immer noch verängstigt in dem Zimmer. Sie haben den Aufbruch, den Ausbruch immer noch nicht gewagt. 

    Wovor haben sie solche Angst? „Aus Furcht vor den Jehudim“ heißt es im Text. Die Johannesgemeinde hatte es mit heftigen Gegnern zu tun: Ihre jüdischen Brüder und Schwestern, die nicht an Jesus als den Messias glauben konnten, denen ein gekreuzigter Messias unvorstellbar und zu gefährlich war. Unruhe konnten die jüdischen Gemeinden nicht gebrauchen, denn das hätte die römische Verwaltung gegen sie aufgebracht. So bedrängten sie die Jesusanhängerinnen und –anhänger und drohten ihnen mit dem Ausschluss aus der Synagogengemeinde, mit schwerwiegenden sozialen Folgen.

    In diese Bedrängnis hinein spricht der Auferstandene seinen Friedensgruß. Es ist aber keine Formel wie „Guten Tag, geht’s gut?“, sondern es ist die Erinnerung an den Frieden des Messias. Der Friede des römischen Kaisers ist die Totenstille über den Schlachtfeldern und das Weinen verhungernder Kinder – der Friede des Messias dagegen ist der Klang von ermutigten Stimmen und das Lachen von sattgewordenen Menschen. Der Friede des Messias schickt nicht andere Menschen in den Tod, sondern erleidet notfalls Verwundungen und Tod, ist aber nicht kleinzukriegen. Deshalb zeigt der Auferstandene seine Wunden. 

    Der Auferstandene hat Verständnis für Menschen mit Angst und weiß, was sie brauchen. Eine Ermutigung, die nicht aus hohlen Worten besteht, sondern aus tatkräftiger Solidarität. Denn er hat die Angst kennengelernt, er hat sie selbst ausgestanden. Die Angst – ob die kleine oder die ganz große – gehört zum Leben. Sie gehört vor allem zu denen, die in der Nachfolge des Messias leben wollen – zu uns. Menschen, die keine Angst haben, sind Ungeheuer. Wer keine Angst hat, kennt auch keine Wege, sie bei sich und anderen abzubauen. Da haben wir lieber Angst. Wie heißen (außer den ganz persönlichen) unsere Ängste? Die Angst, unsere Vision von der Gerechtigkeit könnte endgültig verloren gehen; die Angst, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen könnten trotz Erkenntnissen aus der jetzigen Krise nicht gestoppt werden; oder die Angst, die Macht des Geldes könnte weiter die Oberhand behalten über die Vernunft. Die Angst ist zwar kein guter Ratgeber, aber sie kann ein Motor sein, Festgefahrenes zu bewegen. Die Frage ist nur, mit welchen Ideen sie sich verbindet. 

    Bedrohten, verletzlichen und verängstigten Menschen bläst der Auferstandene seinen Geist – besser übersetzt: seine Inspiration – ein. So hatte es schon der Messias am Kreuz getan. Es heißt bei Johannes: „Er neigte sein Haupt und übergab seine Inspiration“ – an Maria und den Jünger Johannes, stellvertretend für die neu entstehende Gemeinschaft. Der Geist des toten und des auferstandenen Messias will aufrichten, Beine machen, die Sache Jesu in Gang halten. Die Inspiration des Messias soll nicht verkümmern in Angst und Isolation; sie sucht die freie Luft und aufrechte Menschen. Sie geht nicht über die Verletzlichkeit der Menschen hinweg – das gerade nicht. Sie ist mit der Ideen von Gottes Gerechtigkeit verbunden und deshalb Antrieb gegen die Resignation und die Ohnmachtsgefühle der Weltordnung gegenüber, die so ganz und gar nicht dem Geist des Messias entspricht.

    Von dieser Kraft ist Thomas noch nicht überzeugt, dieser Stellvertreter aller Skeptiker bis heute. Die Wunden des Auferstandenen sind nicht vernarbt, sie scheinen noch zu schmerzen – so behutsam ist die Bitte um Berührung formuliert. Einem Messias, der tatsächlich leidet und damit solidarisch ist mit den Opfern dieser Weltordnung, kann man glauben. Und so spricht der größte Skeptiker in der Runde das größte und folgenreichste Bekenntnis zum Messias Jesus. Er formuliert es mit den Worten, die man damals üblicherweise dem Kaiser gegenüber aussprach: „Mein Herr und mein Gott“ – „dominus ac deus“  ließ sich Domitian nennen. Aber vor ihm beugt die Gemeinde des Johannes nicht die Knie, sondern vor ihrem Herrn. Das genau sollen die letzten Sätze des Johannesevangeliums sein, eine unglaubliche Ermutigung: Das habe ich geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist und damit ihr – mitten in Ängsten und Bedrängnis – auf die neue Welt hin lebt in seinem Namen.


    Bittgebet: 

    In Zeiten der Angst ist der Geist der Freiheit schwer zu leben, in Zeiten der Bedrohung ist es schwer, solidarisch zu sein. Aber genau diese Zeiten sind Zeiten der Bewährung. So bitten wir:  

    Dass die Haltung „jeder sorge zunächst für sich“ nicht die Handlungsoptionen und Entscheidungen bestimmen, die vor uns liegen, sondern die gemeinsame Suche nach den Lösungen und der Befreiung von der Angst für alle….darum bitten wir.

    Dass all die guten Vorschläge und Alternativen zu einer gerechten Weltordnung nicht verkommen in den Hinterstuben der Politik, im Gerede von Parteien oder in den Schubladen von desinteressierten oder verschlafenen Bürokraten….darum bitten wir. 

    Dass wir bei allem Realitätssinn die Skepsis überwinden und unserer Vorstellung von einer neuen Welt im Geist Gottes treu bleiben, damit uns Antrieb und Kraft nicht verloren gehen…darum bitten wir. 

    Dass wir uns hüten, das „Normalität“ zu nennen, was vor der Krise war: unsere Welt geprägt von ungerechten Strukturen, von zunehmenden Depression und einer leidenden Natur…darum bitten wir. 

    Dann atmen wir Deinen Geist, dann lebt Deine Inspiration in uns und wir können rufen:
    Mein Herr und mein Gott! Wir glauben, dass wir leben können auf eine neue Welt hin in Deinem Namen. Amen

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 13. April - Ostermontag

    Das Leid und die jeden Abend in den Nachrichten vor Augen geführte Erkenntnis, dass es ungleich verteilt ist zwischen arm und reich, verstört uns zutiefst. Es wird nachhaltig Verstörung hinterlassen; an uns liegt es, daraus positive Energie und Veränderungspotential zu entwickeln. 

    So lesen wir an den am Ostermontag üblichen, sehr geliebten Text aus dem Lukasevangelium: 

    Lk 24, 13-35 Der Gang in Richtung Emmaus (nach der Bibel in gerechter Sprache)

    „Und siehe, zwei von ihnen wanderten an diesem Tag in ein Dorf, das von Jerusalem 60 Stadien entfernt war, namens Emmaus; und sie redeten miteinander über alle diese Ereignisse. Als sie miteinander redeten und nachdachten, da näherte sich Jesus selbst und ging ein Stück Weg mit ihnen. Ihre Augen aber wurden mit Kraft davon abgehalten, ihn zu erkennen. Er sprach zu ihnen:“ Was sind das für Worte, die ihr unterwegs miteinander wechselt?“ Und sie blieben niedergeschlagen stehen. Derjenige, der Kleopas hieß, antwortete ihm: „Bist du der Einzige, der in Jerusalem weilt und nicht erfahren hat, was sich in diesen Tagen da ereignet hat?“ Er sagte zu ihnen: „Was?“ Sie antworteten ihm: „Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk; wie ihn die Hohenpriester und unsere Obrigkeit zum Todesurteil ausgeliefert und sie ihn gekreuzigt haben. Wir aber hofften, der sei es, der Israel befreien sollte. Aber bei allem ist es schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist. Aber auch einige Frauen aus unserer Mitte haben uns erschreckt. Nachdem sie früh am Morgen beim Grab gewesen waren und seinen Körper nicht gefunden hatten, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagten, dass er lebe! Einige von uns gingen hin zum Grab und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten. Ihn selbst aber haben sie nicht gesehen.“ Er sprach zu ihnen: „Oh, ihr seid ja unverständig und zu schwer von Begriff, um darauf zu vertrauen, was die Prophetinnen und Propheten gesagt haben! War es nicht notwendig, dass der Gesalbte dies erlitten hat und in seinen Lichtglanz hineinging?“ Und er begann bei Mose und allen prophetischen Schriften und erklärte ihnen überall, was dort über ihn stand. 

    Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie unterwegs waren, und er tat so, als ob er weiterwandern wollte. Sie nötigten ihn mit den Worten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Und er ging mit, um bei ihnen zu bleiben. Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn. Er aber verschwand. Und sie sagten zueinander: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns sprach, und als er uns die Schriften erklärte?“ Und sofort standen sie auf und gingen nach Jerusalem zurück. Dort fanden sie die Elf und ihre Gefährtinnen und Gefährten versammelt. Diese erzählten: „Der, dem wir gehören, der ist wirklich auferweckt worden und dem Simon erschienen.“ Und sie selbst erzählten, was auf dem Weg geschehen war und wie er beim Brotbrechen von ihnen erkannt worden war.“  


    Kontextuelle Auslegung 

    Es ist eine sehr tröstliche Geschichte, eine, die wir zur Zeit wirklich brauchen. Menschen gehen miteinander und auch wenn sie nur zu zweit sind, wie durch die Corona-Kontaktsperren erlaubt, ist immer noch jemand anderes bei ihnen. Jemand, den man mehr erahnt, erhofft…und weniger sieht. Dessen Stimme aber so spricht, dass das Herz sich wieder füllt mit guten Regungen…Allein dieses Bild richtet auf. 

    Ich habe das Evangelium anders überschrieben als sonst; es heißt ja immer: Der Gang nach Emmaus. Das ist aber falsch, denn die Jünger kommen dort ja gar nicht an, Gottseidank nicht! Sie kehren um und gehen wieder dahin zurück, wo sie ganz besondere Erfahrungen gemacht hatten. Aber halt, mal wieder bin ich zu schnell!

    In der Trauer der beiden wandernden Jünger, die Lukas so eindrücklich schildert, spiegelt sich die Trostlosigkeit seiner Jesusgruppe. Wie konnte man noch Hoffnung auf Jesus setzen, in der schrecklichen Lebenslage im römischen Reich so kurz nach dem Krieg? Lukas lädt seine verzweifelten Leute zum Mitgehen mit diesen Jüngern ein. Gehen wir mit ihnen, denn auch unsere Verzweiflung ist groß.

    Vielleicht ist es ja so, dass die Enttäuschung umso größer ist, je schöner die Erfahrungen, je größer die Hoffnungen waren. Denn sie hatten etwas Neues erlebt und gelebt: eine tragende, solidarische Gemeinschaft und das Glück der Hoffnung auf Veränderung der Verhältnisse. Sie  waren Aufgestandene , Auferstandene gewesen in dieser kleinen Jesusgruppe; hatten gespürt, was es heißt, wenn Menschen Ermutigung erfahren und sich aufrichten. 

    All das war brutal zerstört worden. Und so gehen sie zurück in ihr altes Leben, weg von der Befreiung wieder auf die Resignation zu, diesen kleinen Tod, auf den Rückzug ins Private. Sie hatten eine andere Praxis kennengelernt der Augen, der Hände und der Füße – so nennt der frz. Philosoph und Theologe Fernando Belo das, was in der ersten Jesusbewegung möglich war. 

    Ihre Augen und  Ohren hatten gelernt, der Propaganda des römischen Reiches zu misstrauen und die Armen als Opfer der systemischen Gewalt zu sehen. Ihre Hände hatten eine andere Möglichkeit des Wirtschaftens gelernt:  Das Teilen des Brotes, das Sattmachen aller mit dem Wenigen, den Platz am Tisch für jeden Menschen, das Ende der Ausgrenzung. Ihre Füße hatten das Gehen gelernt, das Gehen von Ort zu Ort mit dem Ziel, immer mehr Menschen zu ermutigen, sich aus ihrer Lähmung herauszuwagen und eine gesunde Unruhe zu verursachen. Diese praktische Solidarität war schon eine Auferstehung in ihrem Leben gewesen. Von ihr entfernen sie sich jetzt wieder, eine Gefahr, von der Lukas seine Gemeinde bedroht sieht und weshalb er diese Geschichte erzählt.

    Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus werden geschildert wie Menschen, die durch Gewalt traumatisiert sind. Sie haben Furchtbares erleben müssen und werden damit allein nicht fertig. Es fällt in der Begegnung mit dem Auferstandenen auf, wie behutsam er nach ihren Verletzungen und Enttäuschungen fragt, ihnen zuhört, sie im vollen Sinn des Wortes auf ihrem Weg begleitet. Er fragt nicht irgendwen; die Ratlosen erfahren seine Nähe, die Weinenden werden gefragt, wie Maria von Magdala am Ostermorgen: „Frau, warum weinst Du?“ Das ist die Solidarität der Auferstehung, die ein neues Leben will.

     An einem Punkt aber verhindert Jesus, dass sie in der reinen Traumawiederholung bleiben; er bietet ihnen mit einem neuen Blick auf die Heiligen Schriften eine neue Sprache an. Eine neue Sprache ist ein neues Denken! Tastend lassen sie sich darauf ein, wollen mehr davon hören und so bitten sie ihn, bei ihnen zu bleiben: Der Tag hat sich geneigt, die Finsternis kommt wieder, bleibe bei uns!

    Es ist schön und hoffnungsvoll erzählt von Lukas: Zuerst gehen ihnen die Ohren, dann die Augen auf. Als Drittes lernen die Hände das Teilen wieder und dann fährt ihnen die Auferstehung wieder in die Füße. Die Praxis der offenen Augen und Ohren, der teilenden Hände und der unruhigen Füße hat sie wieder ergriffen. Und so heißt es: Sofort standen sie auf. Die Auferstehung duldet keinen Aufschub. Verwendet wird hier das Wort, das Lukas auch für die Auferstehung Jesu gebraucht; es geht um dieselbe Sache.

    An Ostern steht eben nicht nur Jesus auf, sondern auch seine Jüngerinnen und Jünger, auch wir. Und die Auferstehung will in die Ohren und Augen fahren, in die Hände, in die Füße – in unser Ohren und Augen, in unsere Hände und Füße. 


    Anstelle eines Gebetes:

    verschlafe deine auferstehung nicht


    aufwachen und aufstehen
    jeden tag:
    ein beweis dass wir leben

    wach werden und sich erheben
    jeden tag:
    der kampf mit der horizontalen
    der aufstand gegen die resignation

    sich erheben und wach werden:
    die morgenluft spüren
    die finger spreizen
    die füße erden
    eine handvoll wasser ins gesicht.
    die taufe für den neuen tag

    verschlafe deine Auferstehung nicht
    am jüngsten tag könnte es zu spät sein

    lass dich nicht vertrösten: die hoffnung kann auch
    missbraucht werden zur flucht aus der gegenwart

    das neue leben aber beginnt mit jedem morgen
    und der neue mensch will geboren werden 
    an jedem neuen tag

    wecke also die lebensgeister, geh aus dir heraus
    schaffe verbindungen und bleibe im training

    sich erheben und wach werden:
    die augen reiben
    die ohren waschen
    die sinne schärfen
    unterscheiden lernen:
    die öffentlichen lügen sind schon im netz

    die decke und die angst abwerfen
    den aufrechten gang üben
    widerstehen. 
    lebensregeln 
    gegen die zwänge der anpassung

    aufwachen und aufstehen
    jeden tag:
    ein beweis dass wir leben

    jutta lehnert 

  • 12. April - Ostersonntag

    In diesem Jahr verbietet es sich, zu schnell vom Karfreitag weg, den Karsamstag übergehend, das Osterhalleluja anzustimmen. Der Theologe Johann Baptist Metz hat immer wieder beklagt, dass man der Grabesstille, die über dem Karsamstag liegt, nicht genügend Raum gebe. Verbunden mit dieser Kritik war der Verdacht, dass man über das frohe Osterhalleluja allzu leicht die Leiden und Opfer vergessen könnte. Der erzwungene Stillstand in unseren Städten, die Trauer über die Toten, die nicht geteilt werden konnte, die lähmende Angst  – all diese Erfahrungen ringen die Osterfreude und die Begeisterung über das Wiedererwachen der Natur nieder. Und dennoch…hören wir das Evangelium von der Auferstehung:

    Joh 20,1-10 (orientiert an der Übersetzung von Ton Veerkamp)

    Am Tag eins der Schabbatwoche kommt Maria von Magdala 
    früh, Finsternis ist noch –
    an das Grab;
    sie sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen ist.
    Sie rennt also weg,
    sie kommt zu Simon-Petrus und zum anderen Schüler,
    mit dem Jesus befreundet war,
    sagt zu ihnen:
    „Sie haben den Herren aus dem Grab weggenommen,
    wir wissen nicht, wo sie ihn beigesetzt haben.“
    Petrus und der andere Schüler gingen hin und kamen ans Grab.
    Die zwei rannten zusammen,
    aber der andere Schüler rannte vorweg, schneller als Petrus.
    Er kam als erster an das Grab.
    Er bückt sich und sieht die Tücher dort liegen, ging aber nicht hinein.
    Nun kommt auch Simon-Petrus, der ihm gefolgt war,
    und geht in das Grab hinein.
    Auch er betrachtet die Tücher, die dort lagen;
    Aber das Schweißtuch, das auf seinem Kopf war,
    lag nicht bei den Tüchern,
    sondern getrennt eingewickelt an einem bestimmten Ort.
    Dann ging auch der andere Schüler,
    der als erster an das Grab gekommen war, hinein,
    er sah und vertraute.
    Freilich hatten sie noch kein Wissen von der Schriftstelle,
    nach der er von den Toten auferstehen müsse.
    Dann gingen die Schüler wieder zu sich.
    Maria aber stand draußen beim Grab und weinte.
    Als sie nun weinte, bückte sie sich zum Grab hin:
    Sie beobachtet, wie da zwei Boten in weiß saßen,
    der eine an der Kopfseite, der andere an der Fußseite,
    wo der Körper Jesu gelegen hatte.
    Sie sagten zu ihr:
    „Frau, warum weinst du?“
    Sie sagt zu ihnen:
    „Sie haben meinen Herrn weggenommen,
    und ich weiß nicht, wo sie ihn beigesetzt haben."
    Als sie das gesagt hatte, drehte sie sich um:
    Sie beobachtet: Jesus steht da, ohne zu erkennen, dass es Jesus war.
    Jesus sagt zu ihr:
    „Frau, warum weinst du, wen suchst du?“
    Sie, in der Meinung, es sei der Gärtner, sagt zu ihm:
    „Herr, wenn du ihn weggetragen hast,
    dann sage mir, wo du ihn beigesetzt hast,
    und ich werde ihn wegnehmen.“
    Jesus sagt zu ihr: „Mariam!“
    Sie kehrt sich um, sagt zu ihm auf Hebräisch:
    „Rabbouni! – was „Lehrer“ heißt.
    Jesus sagt zu ihr:
    „Berühre mich nicht! 
    Noch bin ich nicht zum Vater hinaufgestiegen.
    Doch gehe zu meinen Brüdern und sage ihnen:
    „Ich steige auf zu meinem Vater und zu eurem Vater,
    zu meinem Gott und zu eurem Gott.“
    Mariam von Magdala geht und verkündet ihnen:
    „Ich habe den Herrn gesehen!“
    Und das habe er ihr gesagt.


    Versuch einer Osterpredigt

    Am vergangenen Palmsonntag ist Helin Bölek, die Sängerin der türkischen Band Grup Yorum, nach 288 Tagen Hungerstreik in der Türkei gestorben. Die Fotos zeigen sie ganz klein geworden in einem einfachen, offenen Holzsarg, über und über mit Blumen bedeckt. Helin Bölek wurde nur 28 Jahre alt. Sie protestierte mit dem Einsatz ihres Lebens gegen die türkischen Behörden, die der beliebten, politisch kritischen Band seit Jahren jeden Auftritt verboten hat und damit eine prophetische Stimme zum Verstummen bringt. In der türkischen Kultur hat man hohen Respekt vor der freien Entscheidung eines Menschen, sein Leben im Hungerstreik einzusetzen. Dennoch sagte eine Schriftstellerkollegin voller Trauer: „Ein Mensch, der etwas verändern will, muss leben – nicht tot sein.“

    Dieser Satz macht uns deutlich, wie schwer der Verlust der vielen Menschenleben wiegt, die wir weltweit zu beklagen haben. All ihre Hoffnungen, ihre Sehnsüchte, ihr Beitrag zum Miteinander, ihre Fähigkeiten, ihre Ideen, ihre Liebe, ihre Nähe – das ist nun zu Grabe getragen. Wie können wir da von Auferstehung sprechen? 

    Wir spüren in diesen Wochen, wie sehr wir vergessen haben, dass wir eine Gesellschaft von Sterblichen sind. Das Gefühl für den Tod haben wir verbannt; die Werbung zeigt nur glückliche und schöne Menschen. Wie bedroht das Leben ist, haben die jungen Leute von Fridays for future versucht, in die öffentliche Diskussion zu bringen. Aber erst die jetzige Bedrohung, die damit zu tun hat, dass unser Wirtschaftssystem gnadenlos expandiert bis in Welten hinein, die dem Menschen nicht zu Gebote stehen, macht nachdenklich. 

    Wie absurd wir bisher lebten, bringt Marshall Burke vom Zentrum für Ernährungssicherheit und Umwelt der Universität Stanford auf den Punkt: „Die Reduktion der Luftverschmutzung aufgrund von Covid-19 in China hat vermutlich zwanzigmal so viele Leben gerettet, wie durch den Virus bisher verloren gingen. Das heißt nicht, dass Pandemien gut sind, aber es zeigt, wie gesundheitsschädlich unsere Wirtschaftssysteme sind, auch ohne Coronavirus.“ (Le monde diplomatique, April 2020) 

    Nun zum Text des Evangeliums:

    Meistens wird übersetzt „am ersten Tag der Woche, am frühen Morgen, als es noch dunkel war“. Das ist nicht falsch, aber es entgeht dabei eine wichtige Besonderheit, die alle Evangelisten in gleicher Weise wiedergeben. Da steht immer „am Tag eins“;  und es steht da „Finsternis“. Wir hören mit unseren geschulten Ohren natürlich die Schöpfungsgeschichte: „Gott sprach: Licht werde – und Licht wurde. Gott sah das Licht: Ja, es war gut. Und Gott trennte das Licht von der Finsternis. Gott nannte das Licht Tag und nannte die Finsternis Nacht. Es wurde Abend und wurde Morgen: Tag eins.“ 

    Der „Tag eins“ – der jom echad  - ist kein einfacher Zähltag, er ist der absolut erste Tag, der absolute Anfang! Ihn gibt es nur einmal…eigentlich…. aber jetzt, jetzt gibt es ihn wieder, jetzt muss es ihn wieder geben!

    Der schreckliche Tod Jesu (und die vielen Toten im jüdischen Krieg) hat der Gruppe klar gemacht, was mit diesem System nicht stimmt, das einen solch guten, von Gott geschenkten Menschen foltern und umbringen konnte. Dieses gewalttätige System ist gegen die Ordnung Gottes gerichtet, die so schön im ersten Buch der Bibel erzählt wird; beginnend mit dem „Tag eins“.  

    Der Tod Jesu macht klar: Eine neue Weltordnung ist notwendig; eine Weltordnung im Sinne Gottes. Auferstehung bedeutet, dass dieser Tod und die vielen schrecklichen Tode, durch die unsere Welt geht, eine Umkehr zu einem neuen Leben bewirkt. In nichtkirchlicher Sprache: eine Konversion. 

    Ich habe im Geist der Auferstehung einen Traum von dieser Konversion, die jetzt kommen muss: Am „Tag eins“ nach dieser Pandemie, wenn die Welt wieder aufatmen kann, weil die Atemluft nicht mehr tödlich ist, beginnt die Auferstehung, die Konversion zu einem neuen Leben. Die Parlamente und Regierungen aller Länder, die Aufsichtsräte der Konzerne, die Ethik-Kommissionen, die Trägergesellschaften von Krankenhäusern und Pflegeheimen, alle Verkehrsminister, die gesamte Hochfinanz, der Europarat, die Kultusminister…und und und …und natürlich zeitgleich viele Bürgerinitiativen und Umweltbewegungen….Alle sitzen am „Tag eins“ zusammen. Ihre Köpfe qualmen, weil sie so viel denken und Vorschläge ausbrüten. Und sie senden untereinander Sendboten mit Vorschlägen hin und her, wie bei den Friedensverhandlungen nach dem 30-jährigen Krieg. Sie werten das aus, was in der Zeit des auferlegten Stillstands gemerkt, ausprobiert und ausgedacht wurde. Und sie fügen es zusammen zu einer neuen Ordnung… Die Geschäfte standen ja still, aber die Herzen und Hirne nicht! Und sie müssen nicht beim Nullpunkt anfangen, die meisten Vorschläge liegen seit Jahrzehnten in den Schubladen…

    Und wenn sie das nicht tun, dann springen die Gräber auf, die Steine rollen weg und die Toten kommen und stehen da, stumme Zeugen eines Systems, das nicht umkehren will…Und wir rufen mit ihnen: „Wir sind auferstanden!“ 

  • 10. April - Karfreitag

  • 09. April - Gründonnerstag

    Heute vor genau 75 Jahren, knapp vor Kriegsende, wurde Dietrich Bonhoeffer hingerichtet und zeitgleich der unglückliche Hitlerattentäter Georg Elser. Es wäre fatal, würden in dieser Zeit der außergewöhnlichen Belastungen die vergessen, die zu ihrer Zeit der Bedrängnis Widerstand geleistet haben. Ihnen ist es zu verdanken, dass es Vorbilder gibt für den Mut zum klaren Wort und die aufrechte Haltung trotz Lebensbedrohung. Am Gründonnerstag, der dem letzten Abend Jesu in seiner Gemeinschaft gewidmet ist, holen wir sie mit an den Tisch Jesu…Möge uns daraus Kraft für heute erwachsen.

    An keinem Tag in dieser Zeit wird der Verlust der größeren Tischgemeinschaft durch die derzeitigen  Einschränkungen deutlicher als am Gründonnerstag, der ja in unserer Tradition als Begründung unserer Mahlgemeinschaft im Geist Jesu gilt.  Die Mahlfeiern im Geist Jesu können weder auf die Gemeinde noch auf das konkrete Brot verzichten; FernsehMessfeiern ohne Gemeinde – so tröstlich sie auch sein mögen - sind sehr fraglich. Besser wäre es, jetzt klitzekleine Familientische zu organisieren oder nachbarschaftlich, zur Not über den Balkon oder über den Gartenzaun hinweg…

    Die Texte zum Gründonnerstag spannen sich vom „Brot der Befreiung“ aus dem Buch Exodus über die berühmten Schelte des Paulus, weil die Gemeinde in Korinth nahe dran war, die Mahlgemeinschaft Jesu durch Egoismen zu verraten (1 Kor 11) bis hin zum Abendmahl im Johannesevangelium.                                                                                                                                                                                                 

    Ex 12,1-16  Das Brot der Befreiung (Bibel in gerechter Sprache) 

    „Ich werde in jener Nacht durch Ägypten gehen und alles Erstgeborene im Land töten, angefangen bei den Menschen bis hin zu den Tieren. Gegen alle Gottheiten Ägyptens vollstrecke ich diese Strafen, ich heiße ICH-BIN-DA. Das Blut an euren Häusern soll für euch ein Schutzzeichen sein. Ich sehe, wo ihr wohnt, und gehe an euren Häusern vorbei; sie soll mein vernichtender Schlag nicht treffen, wenn ich tötend durch Ägypten gehe. Dieser Tag wird euch zum Gedenktag, ihr sollt ihn künftig mit einem Fest für mich begehen. Das ist für immer eure Pflicht. Sieben Tage werdet ihr Mazzen essen. Schon am ersten Tag müsst ihr den Sauerteig aus euren Häusern entfernen, denn jemand, der an diesen sieben Tagen gesäuertes Brot isst, wird aus der Gemeinschaft Israels ausgestoßen. Am ersten und am siebten Tag soll eine heilige Festversammlung stattfinden. Ihr dürft an diesem Tag keinerlei Arbeit verrichten, nur die Zubereitung der für alle notwendigen Speisen ist erlaubt. Beachtet genau das Mazzengebot, denn eben an diesem Tage habe ich euch in euren Stammesverbänden aus Ägypten herausgebracht. Haltet den Tag in Zukunft sorgfältig ein; das ist für immer eure Pflicht.“   

    Der Text ist zu einer Zeit geschrieben, in der man sich dieser existenzstiftenden Befreiung wieder erinnern muss, weil man wieder in eine Zwangslage geraten ist, dieses Mal in die Verschleppung nach Babylon. So verklärt sich die ursprüngliche Befreiung und reichert sich an mit Gewaltphantasien und einer gewissen Unerbittlichkeit. Das Einhalten einer festen Ordnung der Rituale dient den jüdischen Familien im Exil der Identitätswahrung. Sie kommen in ihrer eigenen Gruppe zusammen und bewahren kulturelle Eigenheiten, an denen leicht erkennbar ist, wer zu ihnen gehört. Das ist ein Phänomen, das wir auch aus der Erfahrung mit Geflüchteten hierzulande kennen: Mitgebrachte Bräuche, Essenskultur, religiöse Zusammenkünfte oder eine lebenslang eingeübte Gebetspraxis hilft in der Fremde und hält die inneren Kräfte stark. 

    Zentrales Zeichen sind im Zusammenhang mit der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten die ungesäuerten Brote. Die Tradition gibt wieder, dass Gott die Versklavung von Menschen nicht duldet. Zeichen seiner Ungeduld, bis die Menschen frei sind, sind die schnell gebackenen Brote für die Flucht. Ein Sauerteigbrot muss zu lange gehen, bis man es backen kann – so lange kann die Befreiung der Menschen nicht warten. Der hebräischen Gruppe um Moses, der damals die Flucht aus Ägypten gelang, schlossen sich auch andere Menschen (erev rav) an. 

    Das Brot ist dem Judentum – bei aller Verschiedenheit der Ausprägungen – als gemeinsames Zeichen der Befreiung geblieben. Kein Brot wird gebrochen oder angeschnitten, ohne Dank und Segen Gottes; bei keinem Festmahl darf das geteilte Brot fehlen. 

    Jesus lebte in dieser Kultur; deshalb ist das geteilte Brot auch sein Markenzeichen geworden. Die Evangelien erzählen immer wieder, wie wichtig ihm das Teilen des Brotes war: Es sorgte für die Linderung der Not und erinnerte immer wieder daran, dass Gott mit der Versklavung von  Menschen nicht einverstanden ist. 

    Joh 13,1-17 (orientiert an der Übersetzung von Ton Veerkamp) 

    „Aber vor dem Paschafest, im Bewusstsein,
    dass seine Stunde gekommen war,
    um aus dieser Weltordnung zum Vater hinzugehen, 
    kam die Solidarität Jesu, der solidarisch mit den Seinen unter der Weltordnung war, ans Ziel.
    Und als Mahlzeit gehalten wurde, 
            nachdem es der Feind dem Judas, Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gesetzt hatte, ihn auszuliefern –
    im Bewusstsein also,
    dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben hat,
    dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott hinging:
    stand er von der Mahlzeit auf,
    legte sein Gewand ab,
    nahm eine leinene Schürze und gürtete sich mit ihr.
    Dann schüttete er Wasser in das Waschbecken,
    begann, die Füße der Schüler zu waschen
    und mit der Schürze zu trocknen, mit der er sich gegürtet hatte.
    Er kommt zu Simon-Petrus, dieser sagt zu izhm:
    „Herr, du wäschst meine Füße?“
    Jesus antwortete, er sagte zu ihm: „Was ich mache, begreifst du jetzt noch nicht, erkennen wirst du es nachher.“
    Sagt Petrus zu ihm: „Bis in die kommende Weltzeit wäschst du mir die Füße nicht!“
    Jesus antwortete ihm:
    „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“
    Sagt Simon-Petrus zu ihm: „Nicht nur meine Füße, auch die Hände, den Kopf.“
    Sagt Jesus zu ihm:
    „Wer gebadet ist, braucht nichts, als sich nur die Füße zu waschen,
    sondern er ist rein, ganz!
    Auch ihr seid rein, aber nicht alle.“
    Denn er wusste  schon um den, der ihn ausliefern würde.
    Deswegen sagte er, dass keineswegs alle rein sind.
    Als er nun die Füße gewaschen,
    sein Gewand genommen und sich wieder hingelegt hatte, 
    sagte er zu ihnen: „Erkennt ihr, was ich für euch getan habe?
    Ihr nennt mich „Lehrer“ oder „Herr“,
    richtig sagt ihr das, ich bin es.
    Wenn ich euch die Füße wasche, 
    ich, Herr und Lehrer, 
    dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füße zu waschen.
    Denn Weisung habe ich euch gegeben:
    Was ich für euch getan habe, das sollt auch ihr tun.
    Amen, Amen, sage ich euch:
    Der Sklave ist nicht größer als sein Herr,
    der Gesandte nicht größer als der, der ihn sandte.
    Wenn ihr euch dessen bewusst seid, 
    seid ihr glücklich, wenn ihr es tut.“


    Kontextuelle Auslegung: 

    Wir kennen diese berühmte Szene, die alljährlich „nachgespielt“ wird vom Papst in Rom; die Bilder der Fußwaschung gehen durch die Medien. Im Sinne des Evangelisten Johannes wäre es, wenn sein Text eine Umkehr vom fehlgeleiteten Amtsverständnis mit den damit verbundenen Machtstrukturen bewirken würde. Aber ich greife schon vor….

    Die Geschichte von der Fußwaschung richtete sich schon damals gegen die Tendenz einiger Wortführer in den Gemeinden, sich über andere zu erheben. Johannes schreibt ungefähr im Jahr 90; da prägen große Unterschiede und Konflikte das entstehende Miteinander der Jesusguppen, die im ganzen römischen Reich verstreut waren. Die Gruppe, die sich als Verlängerung der Petruslinie in Jerusalem verstand, hatte schon recht früh Führungsanspruch angemeldet. Sie begann sich allmählich durchzusetzen. Andere Linien und Traditionen wie die um die Auferstehungszeugin Maria von Magdala oder den ersten berufenen Jünger Andreas wurden in diesem Prozess an den Rand gedrängt. 

    Das Evangelium des Johannes fällt in diesen Auseinandersetzungen aus dem Rahmen; es ist in einer kompromisslosen Jesusgruppe entstanden. Deshalb befremdet uns seine Schärfe an vielen Stellen des Textes. Erst im allerletzten Kapitel, das dem ursprünglichen Johannestext später angefügt wurde, macht die Gemeinde ihren Frieden mit der Petruslinie; aber unter ganz bestimmten Bedingungen…

    Auffallend ist, dass Johannes gar keine Abendmahlsszene beschreibt, wie wir das erwarten würden. Er malt kein „Abendmahlsbild“…Bei ihm findet die entscheidende Szene erst statt, als der Tisch schon abgeräumt ist. Das Mahl am Tisch Jesu und in der jüdischen Tradition des befreienden Brotes bewirkt, dass jeder und jede, der/die daran teilgenommen hat, zum Dienen befähigt wird. Kluge Theologen nennen das heute den „Transformationscharakter“ der Eucharistie…Gemeint ist dabei etwas ganz einfaches, so einfach, wie Jesus das hier vormacht: Das geteilte Brot will verändern, uns in solidarische Menschen verwandeln – und kann es auch. 

    Wollte man einer Schulklasse verdeutlichen, worum es geht, könnte man es nicht besser machen, als dieser kluge Pädagoge Jesus: Überraschend lockt er die Jünger und Jüngerinnen in dieses Spiel; er bindet sich ein Sklavenkleidungsstück um und tut genau das, was man von einem stummen Sklaven erwartet. Die Füße von Gästen zu waschen ist ein Dienst, den selbst jüdische Sklaven ablehnen konnten. 

    Es geht aber nicht um das Reinigen mit Wasser. Die Jüngerinnen und Jünger waren lange Zeit mit Jesus unterwegs, sie kennen seine Art, das Reich Gottes zu leben. Sie haben alle in der Lehre des Messias „gebadet“ und sind rein. Nur einer nicht, der ihn verraten wird. Der ist der verlängerte Arm der römischen Machthaber und ihrer Komplizen in Jerusalem; sein „Bad“ in der Lehre des Messias Jesus hat bei ihm nichts bewirkt.

    Dass Petrus einen besondere Nachhilfeunterricht Jesu braucht, liegt auf der Hand: Gerade einer, der die Führung der Jesusgruppen beansprucht, muss verstanden haben, dass das „Bad“ im Wasser Jesu aus allen eine Gemeinschaft von Dienenden machen will, die füreinander einstehen. Ohne diese Erkenntnis wird er in der Gefahr sein, sein Leitungsamt falsch zu verstehen. Gegen falsche Machtansprüche hilft nur die Verpflichtung, sich wirklich als Diener am anderen zu verstehen; sozusagen immer die Sklavenschürze umgebunden zu tragen…. 

    Dann verändert sich das Zusammenleben, dann verändert sich die Welt.

    So lasst uns beten:

    Jesus, Deine heilsame Pädagogik der umgebundenen Sklavenschürze wünschen wir uns

    …für Europa: dass es nicht zerbricht an falsch verstandenen Machtansprüchen und an einer Konkurrenz unter Nationen, sondern zusammenwächst im Dienst an den Schwächsten und Ärmsten dieser Welt. Darum bitten wir.

    …für unser Land, das auch in Zeiten der Krise als eines der sichersten der Welt gilt: dass Sicherheit, Solidarität und Hilfe nicht eng und national verstanden werden. Darum bitten wir.

    …für die Wirtschaft und die mit ihr verbundenen Widersprüche, an die wir uns gewöhnt haben: dass wir uns ihren ursprünglichen Sinn in Erinnerung rufen, nämlich den Dienst an der Versorgung aller Menschen. Darum bitten wir.

    …für unsere Kirche, die noch immer schwankt zwischen der Verlockung zur Macht und einer Rückbesinnung auf ihren Auftrag: dass sie sich begreift als wahrhafte Dienerin an anderen, als Vorbild im Verzicht auf Machtgehabe. Darum bitten wir.

    …für uns: Dass wir die Chancen sehen und ergreifen, Deine Sklavenschürze anzulegen und nach Deinem Vorbild zu handeln. Darum bitten wir.

    Niemand kann uns einreden, Du hättest Dich von uns abgewandt. Wir halten an Dir fest und rufen:    
    Zeige Deine Treue, stehe den Notleidenden bei!

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 05. April - Palmsonntag

    In diesem Jahr müssen wir schmerzlich auf die liebgewonnene Form der Feier der KarWoche verzichten, die ja die wichtigsten Feiertage in der Erinnerung an Jesus sind. Eine persönliche Bemerkung: Es trifft mich sehr, denn seit fast vierzig Jahren habe ich diese Woche mit Jugendlichen oder mit Frauen in besonderer Weise begangen; geprägt von Bibelgesprächen und den damit verbundenen Diskussionen wichtiger gesellschaftspolitischer Fragen, gemeinsamen Zeiten beim Essen und Beten, der Stille der Nachtwache, dem Kreuzweg, dem Osterfeuer, der Osterkerze und dem Auferstehungsfest. Das geht nun alles nicht. Aber einiges davon geht doch….

    Ich lade Sie ein, sich mit der einen Hälfte Ihres Herzens in die biblischen Texte zu vertiefen und sie mit neuen Augen zu lesen - und mit der anderen Hälfte Ihres Herzens die Leidenden unserer Welt in die „Leidenswoche“ mitzunehmen… Beginnen wir damit am Palmsonntag, der ja mit der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem verbunden ist.


    Mt 21, 1-17, orientiert an der „Bibel in gerechter Sprache“:

    Als sie in die Nähe Jerusalems kamen, gingen sie nach Bethfage hinein, auf den Ölberg, und Jesus beauftragte zwei aus der Gruppe der Jüngerinnen und Jünger:
    „Geht in das Dorf vor euch. Ihr werdet dort gleich eine angebundene Eselin finden und ein Junges bei ihr. Bindet sie los und führt sie zu mir. Und wenn jemand etwas zu euch sagt, dann sagt, dass der, dem ihr gehört, sie braucht. Und sofort wird man sie ziehen lassen.“
    Das aber ist geschehen, damit das Wort erfüllt wird, das durch den Propheten gesprochen wurde: „Sagt zur Tochter Zion, sieh, dein König kommt zu dir, bescheiden und auf einer Eselin und einem Jungen des Lasttieres.“
    Die beiden gingen los und taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie führten die Eselin und das Junge herbei und breiteten ihre Umhänge über sie aus, und er setzte sich auf sie.
    Die große Volksmenge breitete ihre Umhänge auf dem Weg aus, andere schlugen Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Viele Menschen zogen ihm voran, andere folgten ihm und alle riefen laut:
    „Hilf doch (Hosanna), Gott in den höchsten Himmeln!“
    Und als er nach Jerusalem hineinkam, geriet die ganze Stadt in Aufregung und sagte. „Wer ist er?“
    Die Menschenmenge sagte: „Er ist Jesus, der Prophet, aus Nazareth in Galiläa.“
    Jesus ging in den Tempel und vertrieb alle, die im Tempelbezirk verkauften und kauften, und er warf die Tische der Geldwechsler um und die Stände derer, die Tauben verkauften. Und er sagt zu ihnen: „Es steht geschrieben: Mein Haus wird ein Haus des Gebetes genannt werden. Doch ihr habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.“ Die Blinden und die Gelähmten, die sich im Tempel aufhielten, kamen zu ihm, und er heilte sie. 
    Als die Hohenpriester und die Toragelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel riefen: „Hilf doch (Hosanna), Nachkomme Davids!“ wurden sie ärgerlich und sagten zu ihm: „Hörst du, was sie rufen?“ 
    Jesus antwortete: „Ja, habt ihr niemals gelesen: Aus dem Munde von Unmündigen und Säuglingen schaffst du dir Lob?“ Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt heraus nach Bethanien und übernachtete dort. 


    Kontextuelle Auslegung: 

    Der Evangelist Matthäus hält sich bei der Erzählung des Einzuges Jesu nach Jerusalem an die Vorlage, die er hat: Das Markusevangelium. Das erzählt ja – noch geprägt von den schrecklichen Gewalterfahrungen des jüdischen Krieges - den Weg Jesu und seiner Gruppe von Galiläa kommend nach Jerusalem parallel zu den Truppenbewegungen des römischen Feldherrn Vespasian. Hier die Blutspur von Mord, Vergewaltigung, Brandschatzung und Verwüstung – die Jesusbewegung dagegen ein neuer Weg von Aufrichtung, Mitleid, Heilung, Gewaltlosigkeit, geteiltem Brot und Solidarität. Und endlich kommt Jesus mit seiner Gruppe in Jerusalem an, dem Zentrum der politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Macht. Dass es hier krachen muss, ist vorprogrammiert.

    Da Matthäus rund 20 Jahre später schreibt als Markus, ist die Trauer um die Totalzerstörung der Stadt Jerusalem und des religiösen Mittelpunkts, dem Tempel, nicht mehr so brennend zu spüren. Dafür fragt Matthäus stärker nach, wer das Unheil verschuldet hat. Seine Antworten, die immer in der Gefahr sind, antijudaistisch ausgelegt zu werden, sind: Der interne Machtkampf der jüdischen Aufständischen, der am Schluss sogar im Tempel selbst gewalttätig ausgetragen wurde; der Fehler, Jesus nicht als Messias erkannt zu haben; die Korruption der Tempelherren, es war eine Strafe Gottes…Da kommt bei Matthäus einiges zusammen, das den Auseinandersetzungen der damaligen Zeit geschuldet ist. Wir müssen das heute kritisch lesen, um nicht wieder in die Falle des Antijudaismus zu tappen.

    Im zeitlichen Abstand erkennt man die Entscheidungsfehler in der Politik, die Warnungen, die in den Wind geschlagen wurden, das Hören auf falsche Ratgeber, das Nachgeben bei bestimmten Interessen immer besser – das ist bis heute so. Da muss man mit seinem späteren Urteil sehr vorsichtig sein. Aber diese Erkenntnis sollte wachsamer machen für die Gegenwart…

    Auch wir spüren in der Corona-Krise deutlicher, wo politische Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden, z.B. in den Einsparungen im Gesundheitswesen oder im Unwillen, die Geflüchteten auf den griechischen Inseln in Sicherheit zu bringen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Welche großen sozialen Verwerfungen unser System beinhaltet, verdeutlicht die Pandemie wie in einem Brennglas: Die Armen, Obdachlosen, Wanderarbeiter tragen in allen Ländern das größte Risiko, während hier in unserem gut versorgten Land Vertreter der Wirtschaft nicht abwarten können, bis alles so weitergeht wie bisher….Daraus die richtigen Schlüsse für Gegenwart und Zukunft zu ziehen, wird unsere größte nächste Aufgabe sein.

    Zurück zum Text. 
    Wir wissen nicht, ob sich der Einzug Jesu in Jerusalem so zugetragen hat, wie die Evangelisten ihn erzählen, als Hoffnungs- und Protestzug der kleinen Leute. Aber eines kann diese Geschichte verdeutlichen: Wie groß ihre Sehnsucht nach Veränderung der Zustände war, die sie als Hoffnung auf Jesus übertrugen. Sie rufen Hosanna, streuen Grünzeug auf die Erde und lassen den Esel mit Jesus über ausgebreitete Kleider gehen. Und nennen Jesus Nachkomme Davids, womit sie die Hoffnung verbinden, er möge als Messias das Königreich Davids wieder errichten. Aber die Idee vom Königreich David war für Jesus Schnee von gestern – die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Zudem kann man sich den Gegensatz zwischen David und Jesus kaum größer vorstellen: David hatte seine Feinde mit militärischer Gewalt unterworfen und zusätzlich mit einer fragwürdigen Ehepolitik seine Macht begründet. Er saß sozusagen auf dem Schlachtross und Jesus auf einem Esel, um im Bild unseres Textes zu bleiben. Wie es aussieht, gibt die Geschichte ganz gut wieder, wie wenig das Volk von Jesus verstanden hatte. 

    Da sitzt er, eingeklemmt zwischen den Rufenden, die ihm vorausziehen, und der Volksmenge, die hinterherdrängt. Sie vereinnahmen ihn,  drücken ihm ihren Stempel auf. Hat Jesus sich im Volk geirrt? Kann es ihm jetzt noch gelingen, diese Menschen für das zu gewinnen, worum es ihm wirklich ging: Die Veränderung der Verhältnisse, die tief in die Menschen selbst eingreift, weil sie eine neue, geschwisterliche Form von Gemeinschaft aufbauen will – und eben nicht ein Reich unter einem starken Mann. Nach seiner Vorstellung soll Religion nicht benutzt werden, um Macht zu zementieren; das ist seine Hauptkritik am Tempel und seiner Geschäftigkeit.

    Folgerichtig führen ihn seine ersten Schritte in dieses Zentrum der Macht und dort randaliert er, so muss man das heute wohl sagen. Dabei gelangt er nur in einen der Vorhöfe, wo sich viele Leute einfinden, die ihre Opfergaben kaufen oder ihr Geld für den Kauf der Opfergaben tauschen. Der Innenbezirk des Tempels ist streng bewacht, denn hier haben nur die Priester Zutritt und hier wird viel Gold und Geld aufbewahrt. Der tyrische Schekel, der für die Opfer eingetauscht werden muss, ist eine eigene Prägung des Tempels mit besonders hohem Silbergehalt. Beim Umtausch wurde eine Sondergebühr fällig, die der Tempelverwaltung zu Gute kam. Die Reichen der Stadt Jerusalem nutzten den Tempel als Staatsbank; kurz vor dem Aufstand im Jahr 66 brachten sie dort sogar ihre wertvollsten Besitztümer unter. Als der Tempel von den Römern geplündert wurde, konnte der römische Kaiser mit dem Geld das Colosseum bauen, das heute noch in Rom zu besichtigen ist…

    Jesus, der grundsätzlich – nicht nur hier - skeptisch gegenüber Geldgeschäften ist, nennt den Tempel eine Räuberhöhle. Eine Räuberhöhle ist ja nicht der Ort, an dem geraubt wird, sondern der sichere Ort, an den die Räuber sich zurückziehen, um ihre Beute zu teilen. Mit dem Wort spielt das Evangelium auf eine Kritik an, die schon der Prophet Jeremia an der Tempelaristokratie geübt hat, an ihrem Lebenswandel, bevor sie sich wieder im Tempel zu Gottesdienst und Opfer versammeln:

    „Stehlen, töten und ehebrechen und falsch schwören 
    und dem Baal Rauchopfer darbringen
    Und anderen Göttern nachlaufen, die ihr nicht kennt!
    und dann kommt ihr und tretet vor mich in dieses Haus,
    über dem mein Name ausgerufen ist,
    und sprecht: „Wir sind gerettet!“, 
    um all diese Abscheulichkeiten zu begehen!
    Ist denn dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist,
    in euren Augen eine Räuberhöhle geworden?
    Auch ich, seht, ich habe es gesehen! Spruch des Herrn." (Jer 7,9-11)

    Der Lesungstext des Palmsonntags gibt dagegen wieder, in welcher Weise Jesus den Menschen nahe war; das Hoffnungslied der kleinen Jesusgruppe um Lydia, die Purpurfärberin aus Philippi, ist noch erhalten geblieben: 

    Lesungstext Phil 2,5-11

    Euer Verhältnis zueinander soll der Gemeinschaft mit Jesus Christus entsprechen.
    „Christus, göttlich wie Gott, betrachtete sein Gottsein nicht als Raub für sich selbst.
    Er legte es ab, nahm die Gestalt eines Sklaven an und wurde Mensch wie wir.
    Als Mensch hat er sich selbst erniedrigt. 
    Er war Gott treu bis zum Tod, bis zum Sklaventod am Kreuz.
    Deshalb hat Gott ihn erhöht und ihm einen Namen über allen Namen gegeben.
    Wo sein Name genannt wird, sollen alle Knie sich beugen im Himmel, 
    auf der Erde und unter der Erde und jeder Mund soll bekennen: 
    Herr ist Jesus Christus, zur Ehre Gottes, des Vaters.“   (neue Übersetzung) 

    Untersucht man den Text genauer, kommen alle wichtigen Lobhudeleien vor, die man damals dem Kaiser singen musste, wenn mal wieder ein Fest für ihn anstand; und das war in Philippi zwölf Mal im Jahr! So gehörte sich das, wenn man den Treue-Eid auf den Kaiser schwor, eine Art Glaubensbekenntnis zu ihm, den mächtigen Herrn ober und unter der Erde, vor dem jedes Knie sich beugen sollte, weil er als der Herr, der Kyrios des Weltkreises gelten wollte… Parallelen zur Selbstüberschätzung heutiger mächtiger Männer sind sicher nur ein Zufall…

    Der Zynismus dieser in Philippi besonders gepflegten Kaiserverehrung muss die kleine Jesusgruppe mächtig gefuchst haben. Wie sonst wären sie auf die Idee gekommen, diese Verse umzudrehen und auf Jesus anzuwenden? Dabei verwenden sie zu Beginn den Spitznamen, den der Volksmund hinter vorgehaltener Hand dem Kaiser gab: Räuber – harpagmos. Jesus, so singen sie, war kein harpagmos – kein Räuber, wie der römische Kaiser…

    Er war ein Mensch wie wir, wurde Opfer des Systems und Sklave wie wir, und ist mit uns durch sein Mitleiden verbunden, so singen sie. Das zu wissen, nimmt uns die Angst und gibt uns unsere Würde zurück. Das richtet uns auf in unserem Leiden und macht uns stark. 

    Nein, dieser Jesus ist nicht „systemrelevant“, um ein Wort aus der aktuellen Auseinandersetzung zu gebrauchen. Er war es damals nicht und ist es heute immer noch nicht…

    Jesus ist inmitten der Wanderarbeiter, die im wirtschaftlichen Stillstand in Neu Delhi überflüssig werden und nicht mehr aus noch ein wissen; Jesus ist in den Hütten Ruandas, wohin jetzt der Hunger kommt; Jesus ist an der Seite der Kinder und Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind; Jesus ist neben den Pflegebetten in den Seniorenheimen, inmitten der Menschen voll Angst und Wehrlosigkeit; Jesus ist inmitten der im Stich gelassenen Kinder und Jugendlichen unter den Plastikplanen auf Lesbos…

    Zu ihm lasst uns rufen und bitten um das, was wir jetzt brauchen: 

    Dass wir auf die öffentlich gebrauchte Sprache achten, die anfängt zu unterscheiden zwischen nützlichen und unnützen Menschen – und ihr zu widersprechen – darum bitten wir. 

    Dass wir uns in Acht nehmen davor, dass mit dieser Sprache nicht auch unsere Denk- und Sprechweise geprägt wird – darum bitten wir. 

    Dass wir dem misstrauen, was allzu plausibel und leicht begründbar daherkommt: Die Kontrolle unserer privaten Wege, das Absprechen eigener Verantwortungsfähigkeit – darum bitten wir.

    Dass uns die Verzweiflung nicht überkommt angesichts der Flut an schlimmen Nachrichten und der Gnadenlosigkeit des Marktes – darum bitten wir.

    Dass wir das wenige tun, was wir können: unsere Erkenntnisse dieser Zeit dokumentieren, gemeinsame Vorhaben vor dem Vergessen bewahren, unseren Veränderungswillen retten – darum bitten wir.

    Mit den letzten Worten der heiligen Schrift rufen wir: Maranatha, komm, Herr Jesus! 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 29. März 2020 - 5. Fastensonntag

    Joh 11,1-54   Die Auferweckung des Lazarus 

    Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Einschränkungen durch die Corona-Krise: Die einen freuen sich, endlich mal zur Ruhe zu kommen oder Zeit für Familie zu haben, andere kommen mit der Einsamkeit nicht so gut zurecht. Vermutlich gibt es auch Menschen, die sich jetzt wie lebendig begraben vorkommen, wo sie ihre Wohnung nur noch selten verlassen können. Andere drücken Existenzängste oder die ungewisse Zukunft darnieder. Da ist es wichtig, sich einer Hoffnungssprache zu erinnern, die die Kraft hat, zu ermutigen und aufzurichten, ja sogar Totgeglaubtes aus dem Grab herauszurufen und wieder zum Leben zu erwecken. 

    Wir müssen dafür den Text des Johannes über die Auferweckung des Lazarus sehr genau lesen, deshalb kommt er hier in einer sehr sorgfältigen Übersetzung orientiert an der von Ton Veerkamp:

    „Einer war krank, Lazarus von Bethanien,
    aus dem Dorf Marias und Marthas, ihrer Schwester.
    Es war jene Maria, die salbte mit Balsam den Herrn, 
    trocknete seine Füße mit ihren Haaren, 
    ihr Bruder Lazarus war krank.
    Die Schwestern sandten nun zu ihm, ließen sagen:
    „Herr, sieh: der, mit dem du befreundet bist, ist krank.“
    Als Jesus es hörte, sagte er:
    „Diese Erkrankung ist nicht zum Tode,
    sondern wegen der Ehre Gottes,
    damit durch sie der Sohn Gottes geehrt wird.“
    Jesus war Martha, ihrer Schwester und Lazarus solidarisch verbunden.
    Als er nun hörte, dass er krank war, 
    blieb er am Ort, wo er war, zwei Tage.
    Danach sagte er zu seinen Schülern:
    „Wir wollen noch einmal nach Judäa gehen.“
    Die Schüler sagten zu ihm: „Rabbi,
    gerade versuchten die Judäer dich zu steinigen,
    und du gehst doch wieder dorthin!“
    Jesus antwortete: „Gibt es nicht zwölf Stunden am Tag?
    Wenn einer seinen Gang tagsüber geht, strauchelt er nicht,
    da er ja das Licht dieser Welt sieht.
    Wenn er in der Nacht seinen Gang geht, strauchelt er,
    weil das Licht nicht in ihm ist.“
    Das sagte er und danach sagte er zu ihnen:
    „Lazarus, unser Freund, hat sich hingelegt.
    Aber ich gehe hin, damit ich ihn dem Schlaf entreiße.“
    Die Schüler sagten: „Herr,
    wenn er sich hingelegt hat, wird er befreit werden.“
    Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen,
    jene dagegen meinten, er habe von „Hinlegen zum Schlaf“ geredet.
    Dann aber sagte Jesus offen zu ihnen:
    „Lazarus ist gestorben.
    Aber ich freue mich euretwegen, dass ich nicht da war,
    damit ihr vertraut; gehen wir also zu ihm.“
    Nun sagte Thomas – Didymos, Zwilling genannt – zu den Mitschülern:
    „Gehen auch wir, damit wir mit ihm sterben.“
    Also ging Jesus und befand, dass er schon vier Tage im Grab war.
    Nun war Bethanien in der Nähe von Jerusalem, ungefähr fünfzehn Stadien.
    Und viele Judäer waren zu Martha und Maria gekommen,
    ihnen Trost zuzusprechen, des Bruders wegen. 
    Sobald Martha aber hörte, Jesus sei gekommen, ging sie ihm entgegen.
    Maria blieb aber zu Hause sitzen.
    Nun sagte Martha zu Jesus:
    „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.
    Aber auch jetzt weiß ich:
    Was immer du Gott fragst, Gott wird des dir geben.“ 
    Jesus sagte zu ihr:
    „Dein Bruder wird auferstehen.“
    Martha sagte zu ihm: „Ich weiß, dass er auferstehen wird,
    mit der Auferstehung am Tag der Entscheidung.“
    Jesus sagte zu ihr:
    „Ich werde da sein: Die Auferstehung und das Leben.
    Wer mir vertraut, wird leben, auch wenn er stirbt.
    Und jeder, der lebt und mir vertraut,
    wird bis zu kommenden Weltzeit nicht sterben.
    Vertraust du darauf?“
    Sie sagt zu ihm: „Ja, Herr, ich will vertrauen,
    ich habe darauf vertraut, dass du es bist: der Messias,
    der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“
    Als sie das gesagt hatte, ging sie weg,
    sie rief Mariam, ihre Schwester, und sagte heimlich:
    „Der Lehrer ist angekommen und ruft dich.“
    Diese nun hörte es, stand eilig auf und ging zu ihm.
    Aber noch war Jesus nicht in das Dorf gekommen,
    er war noch an dem Ort, wo Martha ihm begegnet war.
    Die Judäer nun, die bei ihr waren und ihr Trost zugesprochen hatten,
    sahen, dass Mariam schnell aufgestanden und weggegangen war.
    Sie folgten ihr in der Meinung,
    sie ginge hinüber zum Grab, um dort zu weinen.
    Als nun Mariam dort ankam, wo Jesus war, sah sie ihn,
    fiel ihm zu Füßen und sagte zu ihm:
    „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“
    Als nun Jesus sah, dass sie weinte,
    dass die Judäer, die mit ihr gekommen waren, weinten,
    schnaubte er vor Wut, sehr, er war ganz entsetzt.
    Er sagte: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“
    Sie sagten ihm: „Herr, komme und sieh.“
    Jesus weinte. 
    Die Judäer nun sagten: 
    „Sieh, wie tief er mit ihm befreundet war.“
    Einige von ihnen sagten: 
    „Konnte der, der die Augen des Blinden öffnete,
    nicht machen, dass jener nicht starb?“
    Jesus selbst schnaubte wieder vor Wut, als er zum Grab ging.
    Es war eine Höhle, vor sie hatte man einen Stein gesetzt.
    Jesus sagt: „Hebt den Stein weg.“
    Die Schwester des Gestorbenen, Martha, sagt zu ihm:
    „Er stinkt schon, es ist der vierte Tag!“
    Sagt Jesus zu ihr: „Sagte ich nicht: 
    Wenn du vertraust, wirst du die Ehre Gottes sehen?“
    Sie hoben den Stein weg.
    Jesus aber erhob seine Augen aufwärts, er sagte:
    „Vater, ich danke dir, dass du auf mich gehört hast;
    ich wusste aber, dass du immer auf mich hörst,
    aber wegen der herumstehenden Menge habe ich es gesagt,
    damit sie vertrauen, dass du mich gesandt hast.“
    Als er das gesagt hatte, schrie er mit großer Stimme:
    „Lazarus, komm heraus!“
    Der Gestorbene kam heraus, an Händen und Füßen gewickelt,
    das Gesicht war umwickelt mit einem Schweißtuch.
    Jesus sagt zu ihnen:
    „Macht ihn frei und lasst ihn weggehen.“
    Viele der Judäer, die zu Mariam gekommen waren und 
    beobachtet hatten, was er getan hatte,
    vertrauten ihm. 
    Einige von ihnen aber gingen zu den Peruschim (Pharisäern),
    sie sagten ihnen, was Jesus gemacht hatte.
    Die führenden Priester und Peruschim versammelten sich im Sanhedrin,
    sie sagten: „Was machen wir?
    Dieser Mensch tut viele Zeichen!
    Wenn wir ihn so gewähren lassen, werden alle ihm vertrauen;
    Dann kommen die Römer, 
    sie werden uns die Stätte und die Nation wegnehmen.“
    Einer aber, ein gewisser Kaiphas, Hohepriester jenes Jahres,
    sagte zu ihnen:
    „Ich wisst gar nichts.
    Ihr bedenkt nicht, dass es in eurem Interesse ist,
    wenn ein Mensch zugunsten des Volkes stirbt,
    damit nicht die ganze Nation zugrunde geht.“
    Das sagte er nicht von sich selber aus,
    sondern als Hohepriester jenes Jahres kündigte er an,
    dass Jesus für die Nation sterben sollte.
    Nicht aber für die Nation,
    sondern dafür, dass er alle auseinandergejagten Gottgeborenen
    zusammenführe in eins.
    Ab diesem Tag also stand der Beschluss fest, ihn umzubringen.
    Jesus ging nun nicht länger öffentlich seinen Gang unter den Judäern,
    sondern ging von dort weg zu einer Gegend in der Nähe der Wüste,
    zu einer Stadt, Ephraim genannt.
    Dort verblieb er, mit seinen Schülern. 

    (nach: Ton Veerkamp: Das Evangelium des Johannes, Dortmund 2015)


    Kontextuelle Auslegung: 

    Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus beginnt damit, dass Jesus jenseits des Jordans ist, als er von Lazarus hört. Jenseits des Jordans hat Mose seine Abschiedsrede gehalten mit Blick auf das Land der Befreiung, von hier kam der große Prophet Elia, hier wurde Jesus durch die Taufe als Messias bestätigt. Eine theologische Ortsangabe also, keine kartographische. Hier fing alles an.

    Auch die Wahl der Namen in dieser Geschichte sind wohlüberlegt: Lazarus - hebr. Eleasar, so hieß der Sohn und Nachfolger Aarons – steht für die führende Schicht des Volkes; der Name bedeutet „Gott hilft“. Mariam und Martha spielten in der ersten Jesusbewegung eine große Rolle; neben Petrus spricht Martha das große Bekenntnis zu Jesus als Messias. Aber das ist lange her, als Johannes sein Evangelium für seine verzweifelte Jesusgruppe schreibt, die sich im Konflikt mit ihrer jüdischen Gemeinde befindet.

    Und so geht es auch nicht um die Rettung eines einzelnen Lebens in dieser Geschichte, sondern um das Leben des ganzen Volkes Israel, wenn Jesus Lazarus aus dem Grab ruft und die Trauer beendet. Das Volk ist tot, in einem Grab gefangen, es braucht Gottes Hilfe. Es ist blind, so lange es in Jesus nicht den Messias sieht. In dieser Nacht ohne das Licht des Messias stolpert es hilflos herum und kann nichts tun. Wenn es in dieser Weltordnung überhaupt einen Lichtblick gibt, dann ist es der Messias, der aus Lähmung und Tod befreien kann. Jesus ist ein Freund des Lazarus, das sagen alle in dieser Geschichte; ein Freund Israels also, kein Gegner, wie wir das Jahrhunderte lang gehört haben in der antijudaistischen Tradition unserer Kirche…

    Über die Situation seines Volkes lässt dieser Jesus keine Illusionen aufkommen: Das Volk ist nicht vorübergehend eingeschlafen oder krank, es ist tot. Der römische Krieg mit seinen noch immer spürbaren Folgen hat es ermordet. So ähnlich hat es auch der Prophet Ezechiel nach der Zerstörung des ersten Tempels beschrieben, das ist die Lesung von heute. Wie der Messias aus dem Grab auferstehen wird, so wird es auch das Volk,  wenn -  ja wenn es auf diesen Messias vertraut. 

    In meinen Ohren klingt der Satz der Martha „Herr, er stinkt schon“ fast kabarettistisch. Die Sache stinkt zum Himmel; der Krieg und die Korruption der damaligen Eliten des Landes – da sind viele Leichen im Keller der politisch Verantwortlichen, die nicht beerdigt bleiben wollen! Und dass schon vier Tage und nicht die üblichen drei vergangen sind, ist auch ein sprachliches Mittel des Johannes: Ist es nicht schon zu spät? Eine Auferstehung muss doch am dritten Tage stattfinden… 

    Jesus ruft mit lauter Stimme – phonè  megalè  (Megaphon!) - den Toten aus dem Grab. Genau so wird er im Markusevangelium am Kreuz rufen; es ist ein Schrei nach Rettung und Befreiung, Protest und Hilferuf. Dieser Schrei ist aber auch seine Stimme, die zu hören ist, sein Ruf, der zu uns dringt. Er muss anscheinend laut sein, damit er wirklich gehört wird….

    Alle Gefühle und Einstellungen kommen im Evangelium vor, die unsere Medien  täglich liefern: Schrecken und Trauer, Mitgefühl und Hilflosigkeit, Bewegungslosigkeit, Protest – aber auch das sich ergebende Weinen, das Gefühl, dem Tod ohnmächtig ausgeliefert zu sein und Tränen des Zorns, bei Jesus. 

    Die Auferweckung, die erzählt wird, trifft nicht auf ungeteilte Zustimmung. Im Gegenteil: Sie polarisiert. Die einen werden zu Anhängern Jesu, die anderen spüren, dass von dieser Kraft Jesu eine Gefahr ausgeht für ihr Machtgefüge. 

    Und so hören wir auch von Kälte und Kalkül bei den Mächtigen: Um ihr Arrangement mit den römischen Besatzern und die eigene Macht zu retten, argumentiert der Hohepriester mit der Rettung des Volkes. Seine Sprache aber entlarvt ihn: Er sagt nicht Volk (in Griechischen laos), sondern Nation (ethne). Es geht ihm nicht um die Rettung des Lebens, sondern um den Erhalt der Macht, die ihm Rom als Besatzungsmacht noch gelassen hat. Diesem Machtpolitiker ist das Leben der Menschen höchstens am Rande wichtig, um das Leben kann notfalls auch geschachert werden.

    Lebensrettung,  Ruf aus dem Tod, Auferstehung ist die Überzeugung derer, die in Opposition zu Rom stehen. Das sind die frommen Pharisäer, andere kleine Gruppen und  die Jesusbewegung im damaligen Judentum. In dieser Tradition stehen wir: Auferstehungshoffnung als Protest gegen den Tod, der Menschen durch verfehlte Politik zugefügt wird. So sagt es auch Paulus: Wenn wir den Geist Jesu in uns haben, können wir gegen alle Tode aufstehen.

    Wir können die Menschen, die durch das Virus gestorben sind, nicht mehr lebendig machen. Aber wir müssen fragen, wo unter dem Druck der Profitmaximierung an der medizinischen Versorgung gespart wurde, an Krankenhäusern, an der Entlohnung des Pflegepersonals. Das sind Auferstehungsfragen, die wir stellen müssen, um den Todesweg des Geldes zu stoppen. Nach dieser Krise werden sich diese Fragen leichter stellen lassen, sie werden vermutlich mehr Gehör finden als vorher.

    Auferstehung, das ist die Hoffnung, dass es nicht zu spät ist für die Chance zum Leben; sie ist der Ruf aus den vielfältigen Gräbern, die sich um uns herum aufgebaut haben. Dazu gehören auch die Gräber, in denen gute Ideen und Alternativen zugeschaufelt wurden aus Resignation und Interesselosigkeit oder Machtkalkül.…Was müssten wir nicht längst aus dem Grab holen:

    Die vielen Vorschläge zu einer Wirtschaftsordnung jenseits des Kapitalismus, die Ideen zu einer anderen Verkehrspolitik, die dem Auto endlich den Kampf ansagt, die Ideen zu Plastik- und Müllvermeidung und und und…

    Nur nebenbei: Wer eine feine Nase hat, merkt, dass zurzeit durch weniger Autoverkehr und Flugzeuge am Himmel die Luft wieder sauberer wird; diese Erfahrung sollten wir nicht vergessen. 

    Höchste Zeit auch, dass wir die befreienden und feministischen Theologien aus dem Grab holen, in das die konservativen Kräfte der Kirche sie gesteckt haben! Davon würde die Veränderung und Auferstehung ausgehen, die die Kirche dringend braucht. Auferstehung ist eine gefährliche Sache, jedenfalls für diejenigen, die an den bestehenden Machtverhältnissen festhalten wollen. 

    Die Macht der Auferstehung bricht schon in das Leben jetzt ein, deshalb ist diese Auferstehungsgeschichte vor der Hinrichtung Jesu erzählt, mitten in seinem Leben. Diese Kraft lässt die herrschenden Machtgefüge nicht gelten. Sie liebt das Leben so sehr, dass sie sogar an der natürlichen Gesetzmäßigkeit rüttelt, dass die Menschen sterben müssen…Wer an diese Lebenskraft glaubt, will Hungertode und Kriegstode, Tode durch Verseuchung, Flucht und Gewalt und auch den Tod guter Ideen verhindern – und arbeitet daran mit. 


    Bitten: 

    Martha spricht ihr Glaubensbekenntnis zum Messias noch vor der Auferweckung ihres Bruders. Ihr Glaube ist nicht auf einen Beweis durch die Tat angewiesen, ihr genügt zur Hoffnung das Wort Jesu. Damit organisiert sie die Hoffnung neu und setzt die Auferweckung in Gang. Menschen wie Martha wollen wir sein; deshalb bitten wir: 

    Dass wir in der schweren Zeit, durch die wir gehen, die Hoffnung nicht verlieren, sondern als innere Kraft aufrechterhalten – darum bitten wir.

    Dass wir an der Hoffnung und am freien Blick derer mitarbeiten, die nur noch Angst und Dunkelheit empfinden – darum bitten wir. 

    Die schrecklichen Bilder und Tatsachen vor Augen, die die Pandemie vor allem in Italien angerichtet hat, bitten wir für diese armen Toten – dass sie bei Dir sind, Gott des Lebens, ganz nah bei Dir – darum bitten wir.

    Wir denken an diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben und denen der Trost einer gemeinschaftlichen Trauer fehlt; dass die Zeit der erleichterten Herzen wiederkommt – darum bitten wir.

    Die auferlegten Einschränkungen des sozialen Lebens könnten zu Fatalismus und Schicksalsergebenheit führen. Dass in dieser Zeit unser Geist nicht einschläft, sondern sich nährt und stärkt für die Momente, in denen er wieder gebraucht wird – darum bitten wir.

    So setzen wir die Auferweckung in Gang, entfachen die Hoffnung neu und gehen Deinen Weg, Gott des Lebens. Amen 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin

  • 22. März 2020 - 4. Fastensonntag

    Johannes 9, 1-41   Die Heilung eines Blindgeborenen

    Dass Jesus an einem Sabbat heilt, kommt oft im Johannesevangelium vor. Das ist die Theologie des Johannes: Gott kann noch nicht Feierabend machen und sich zur Feiertagsruhe am 7. Tag begeben; für Gott gibt es keinen Sonntag, so lange noch ein Mensch leidet und die Welt noch nicht zum Guten vollendet ist….eine gute Anregung, über unser Sonntagsverständnis nachzudenken ...

    Wir lesen die Langfassung des vorgesehenen Evangeliums denn nur sie bewahrt davor, dass wir Johannes nicht missverstehen.

    Der biblische Text, übersetzt von Ton Veerkamp:

    Im Vorübergehen sah er einen Menschen, blind von Geburt her. 
    Die Schüler befragten ihn, sie sagten:
    „Rabbi, wer ging in die Irre, er oder seine Eltern,
    dass er blind geboren wurde?“
    Jeschua antwortete:
    „Weder er noch die Eltern gingen in die Irre.
    Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.
    Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich geschickt hat, bis Tag geschieht.
    Kommt Nacht, dann kann niemand wirken.
    Solange ich in der Welt bin, 
    bin ich das Licht der Welt.“
    Als er das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden,
    er machte Schlamm aus Speichel
    und salbte mit dem Schlamm seine Augen.
    Er sagte ihm:
    „Geh und wasche dich im Teich Siloam – 
    Übersetzt: Abgesandter.
    Er ging also weg, wusch sich,
    und er kam – sehend!
    Die Nachbarn aber
    und die, die ihn früher beim Betteln beobachtet hatten, sagten:
    „Ist das nicht der, der herumsaß und bettelte?“
    Andere sagten. „Er ist es.“
    Wiederum andere sagten:
    „Nein, er ist ihm bloß ähnlich.“
    Er sagte: „ich bin es!“
    Sie sagten also zu ihm:
    „Wie hat man dir die Augen geöffnet?“
    Er antwortete:
    „Ein Mensch, der Jeschua genannt wird, machte Schlamm,
    salbte damit meine Augen und sagte mir,
    ich solle hingehen zum Siloam und mich waschen; 
    ich ging also weg, wusch mich,
    und auf einmal sah ich.“
    Und sie sagten ihm: „Wo ist der?“
    Er sagte: „Ich weiß es nicht.“
    Sie brachten den früheren Blinden zu den Peruschim (Pharisäern).
    Es war Schabbat,
    genau an dem Tag, wo Jeschua Schlamm machte und seine Augen öffnete.
    Nun befragen ihn auch die Peruschim,
    wieso er auf einmal sehen könne.
    Er sagte zu ihnen: 
    „Schlamm legte er auf meine Augen,
    ich wusch mich und ich sehe!“
    Einige der Peruschim sagten: 
    „Das ist kein von Gott beauftragter Mensch,
    denn er wahrt den Schabbat nicht.“
    Andere dagegen sagten: 
    „Wie kann ein Mensch der Verirrung solche Zeichen tun?“
    Spaltung entstand unter ihnen.
    Sie sagten wieder zu dem Blinden:
    „Was sagst du denn über ihn, wo er dir doch die Augen öffnete?“
    Er sagte: „Er ist ein Prophet.“
    Nun trauten es ihm die Jehudim (Juden) nicht zu,
    dass er blind gewesen war und auf einmal sah.
    So ließen sie die Eltern dessen, der auf einmal sehen konnte, rufen.
    Sie befragten sie, sie sagten:
    „Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde.
    Wie er denn jetzt sehen kann, das wissen wir nicht,
    wer ihm die Augen öffnete, wir wissen es nicht.
    Befragt ihn selbst, er ist erwachsen,
    er mag für sich selbst reden.“
    Das sagten seine Eltern, weil sie die Jehudim fürchteten.
    Denn schon hatten die Jehudim untereinander abgemacht
    Wer sich zu ihm als Messias bekennt,
    soll zu einem ohne Synagoge werden.
    Deswegen hatten seine Eltern gesagt:
    „Er ist erwachsen, befragt ihn selber."
    Sie riefen nun den Menschen, der blind war, zum zweiten Mal,
    sie sagten zu ihm:
    „Gib Gott die Ehre, wir wissen, dass dieser ein verirrter Mensch ist.“
    Er sagte: „Ob er ein Verirrter ist, weiß ich nicht,
    eins weiß ich: Ich war blind und jetzt sehe ich.“
    Nun sagten sie zu ihm: 
    „Was hat er noch mal mit dir gemacht, wie öffnete er dir die Augen?“
    Er antwortete ihnen:
    „Hab ich euch schon gesagt, aber ihr hört nicht zu.
    Was wollt ihr denn noch hören, wollt ihr etwa auch seine Schüler werden?“
    Und sie beschimpften ihn, sie sagten:
    „Du bist Schüler von dem da, wir aber sind die Schüler des Mosche (Mose).
    Wir wissen, das Gott zu Mosche geredet hat,
    von dem wissen wir nicht, woher er ist.“
    Der Mensch antwortete, er sagte ihnen:
    „Ein Ding ist aber merkwürdig, 
    dass ihr nicht wisst, woher er ist, wo er mir doch die Augen öffnete.
    Wir wissen, dass Gott auf Verirrte nicht hört,
    aber wenn einer Ehrfurcht vor Gott hat und seinen Willen tut,
    auf den hört er.
    Von Weltzeit her hat man nicht gehört,
    dass jemand einem blind Geborenen die Augen öffnete.
    Wenn dieser nicht von Gott beauftragt wäre,
    hätte er nichts tun können.“
    Sie antworteten und sagten zu ihm:
    „Du bist ganz und gar eine Fehlgeburt, und du belehrst uns?“
    Und sie warfen ihn hinaus.
    Jeschua hörte, dass sie ihn hinausgeworfen hatten;
    er fand ihn und sagte:
    „Du, vertraust du dem bar enosch, dem Menschensohn?“
    Jener antwortete und sagte:
    „Und wer ist es, Herr, dass ich ihm vertraue?“
    Jeschua sagte zu ihm: „Du hast ihn gesehen, und er redet mit dir, der ist es.“
    Er erklärt: „Ich vertraue, Herr.“ 
    Und er verneigte sich vor ihm.
    Und Jeschua sagte:
    „Zum Gericht bin ich in diese Weltordnung gekommen,
    damit die nicht Sehenden sehen,
    und die Sehenden zu Blinden werden.“
    Einige von den Peruschim, die mit ihm waren, hörten es und sagten:
    „Sind wir etwa auch blind?“
    Jeschua sagte ihnen:
    „wenn ihr blind wärt, würdet ihr euch nicht verirren.
    Jetzt aber sagt ihr: „Wir sehen.“
    Eure Verirrung bleibt.

    (Quelle: Ton Veerkamp: Das Evangelium des Johannes, Dortmund 2015)

    Kontextuelle Auslegung: 

    Der Glaube an Gott, der es gut mit den Menschen meint, ist im Lauf der Jahrtausende durch viele Ereignisse erschüttert und in Frage gestellt worden. Nicht erst die Corona-Krise mit ihren Begleiterscheinungen von Angst und Überforderung lässt Fragen grundsätzlicher Art in den Menschen aufkommen. Wir fragen: Wo bleibt die Güte Gottes, wenn uns eine so lebens- und gemeinschaftsbedrohliche Krankheit treffen kann? Wie bewahre wir in all der Sorge um die Bewältigung des Alltags, in den täglich sich jagenden Nachrichten und Zahlen die Zuversicht eines Glaubens an Gott? 

    Als Johannes sein Evangelium für seine Gemeinde schreibt, sind große Erschütterungen der Glaubensgewissheiten im Gange. Die Juden und Jüdinnen fragten sich: Wo war Gott, als der schreckliche Krieg mit Aushungern und entsetzlicher Gewalt unser religiöses Zentrum in Jerusalem vernichtet hat? Wie können wir weiterhin an einen Gott glauben, wo doch  sein Volk in alle Winde zerstreut wird? Einige dachten:  Am besten schließen wir die Reihen fest zusammen und leben unseren Glauben im engeren Kreis, so retten wir ihn.

    Von diesen Auseinandersetzungen wurden die jüdischen Gemeinden fast zerrissen. Auch deshalb, weil es einige Gruppen in ihnen gab, die behaupteten, in Jesus die tatkräftige Macht Gottes erfahren zu haben. Ausgerechnet Jesus, der als Hingerichteter der Römer doch gar nichts mehr bewirken konnte! So schreibt Johannes in diesen Streit hinein seinen Text, der an vielen Stellen scharf und gar nicht versöhnlich klingt. Aber es ist ein innerjüdischer Streit, kein Streit zwischen Juden und Christen, wie das Johannesevangelium Jahrhunderte lang falsch gelesen wurde…

    Es ist ein langwieriger Streit, das zeigt schon allein die Länge des Textes und die vielfachen Bemühungen der Pharisäer, hinter das Geheimnis der Heilung des Blinden zu kommen. Und schön endet der Text auch nicht: Eure Verwirrung, eure verengte Sicht Gottes bleibt, dieser harte und kompromisslose Satz aus dem Mund Jesu macht uns fast sprachlos.

    Die Blindheit ist kein medizinischer Befund in diesem Text. Und deshalb braucht man auch nicht zu diskutieren, ob der Blinde schuld ist oder seine Eltern. Die Weltmacht Rom macht die Menschen blind, prinzipiell, von Geburt an. Wer nichts anderes mehr kennt als die Zustände unter der römischen Gewaltherrschaft, ist wie blind geboren. Alle Menschen – auch wir – werden in bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse hineingeboren, die formen und prägen. Es braucht eine ganz besondere Kraft, dazu eine kritische Distanz aufzubauen und die Realität auszuweiten auf andere Möglichkeiten.

    Die Gewaltherrschaft Roms macht die Werke Gottes, ja Gott selbst, unsichtbar. Das ist die Blindheit, von der in dieser Geschichte die Rede ist. Gott muss endlich wieder sichtbar werden, die Menschen müssen wieder fähig werden, Gottes Güte, Gottes Werke zu sehen. Und nicht nur die Juden und Jüdinnen – Gottes Güte soll für alle Menschen sichtbar werden.

    Dazu ist der Messias Jesus gesandt. Nichts scheint aber schwerer, als den engen Blick zu weiten, wenn Existenzängste ins Spiel kommen. Der sehr anschaulich geschriebene Text spielt deshalb mit den Begriffen Sehen und Nichtsehen, Treue und Verirrung, Tag und Nacht. 

    Nachts kann kein Mensch wirklich sehen. Die damalige Zeit kannte keine Straßenbeleuchtungen und abendliches Licht in den Häusern der einfachen Leute. Nachts war es kohlrabenschwarz, überall, niemand konnte einen Weg erkennen, meistens ging man in die Irre. Deshalb ist die Nacht ein sehr sprechendes Bild im Text für die Blindheit, die die Menschen befallen hat. Aber die Menschen sollen nicht in der Finsternis vor sich hin vegetieren; das hörten wir schon als Vorrede des Johannesevangeliums, im berühmten Prolog: „Im Anfang ist das Wort, und gottbestimmt ist das Wort…Und was es bewirkt, ist das Leben…Das Leben ist das Licht für die Menschen und scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht überwältigt…“

    Das schönste Werk Gottes ist der sehende Mensch, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen. Auch das ist nicht biologisch-medizinisch gemeint.  Menschen und Welt als Gottes Geschenk sehen und in dieser Überzeugung den Weg Gottes gehen, das meint Sehen und Gehen im Licht.

    Was aber tun, wenn die Finsternis, die Nacht sich auf alles legt? Sei es, dass Gewalterfahrungen das Vertrauen auf Gott erschüttern, sei es, dass eine ungewisse Zukunft sich wie eine dunkle Angstwolke über Land und Leute legt? 

    Der Text lädt dazu ein, Zweifel zu benennen und zu fragen wie die Pharisäer: Ist da wirklich eine Blindenheilung möglich? Wie groß ist unser Gottvertrauen noch, unsere Zuversicht?  Wie kommt das Licht, wie kommt das Gottvertrauen zustande? Kann es sein: einfache Handgriffe wie Dreck der Straße zu einem Brei anrühren, Augen bestreichen, sich waschen haben solche Wirkung? So dass einfache Leute sagen: So einfach war es! Oder der Geheilte selbst: Ich war blind und jetzt sehe ich. Die Welt ist anders, als ich sie bisher wahrgenommen habe…Das ist das Wichtigste jetzt, nichts anderes zählt mehr. 

    Natürlich legt der Text es darauf an, allen Zweifelnden in der Gemeinde des Johannes einzuschärfen: Man darf, wenn man Gott treu bleiben will, seine Güte nicht auf die eigenen Leute, auf das eigene enge Blickfeld begrenzen. Mag die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität auch noch so groß sein, mag der anerzogene oder gewohnte Realitätssinn auch dazu raten: Gottes Güte ist größer als die menschliche Vorstellungskraft. Den eingeschlagenen Weg für den einzig richtigen zu halten, verschließt die Augen vor der Wahrheit anderer Wege.

    Es ist schade, dass Johannes seinen Text so kompromisslos enden lässt; der Satz Jesu „Eure Verirrung bleibt“ ist kein weiteres Gesprächsangebot mehr, sondern eher das Gegenteil, ein abschließendes Urteil. Hier dürfen wir den Evangelisten Johannes kritisieren. 

    Lesen wir den Satz lieber als Frage, auch an uns:  Sind wir in der Lage, die momentane Krise als Innehalten wahrzunehmen? Hören wir die Fragen, die sich nun stellen nach dem tieferen Zusammenhalt der Menschengemeinschaft, die Fragen an die Verirrungen in unserem hochgefahrenen Lebensstil? Wird sie uns eine Solidarität lehren, die auch dann Bestand hat, wenn der Krankheitserreger besiegt ist? 

     

    Bitten:

    Wie wollen wir leben, zusammen leben, solidarisch leben? Die Corona-Krise mit all ihren noch unabsehbaren Folgen wird diese Fragen neu stellen. Und wir werden sie nicht beantworten oder praktisch darauf reagieren können, ohne die Mitmenschlichkeit und die Gerechtigkeit in uns zu wecken, die wir „Gott“ nennen. So wollen wir beten: 

    Wir sehen es jeden Tag: Selbst in diesen Zeiten der Angst und des auferlegten Selbstbezuges gibt es Menschen, die kreative und einfache Möglichkeiten sehen, anderen, vor allem Schwächeren zu helfen. Dass diese Ideen Kreise ziehen – darum bitten wir.

    Pflegerinnen und Pfleger, die nicht zu den gut bezahlten Arbeitskräften unseres Landes gehören, sind unverzichtbar für die Rettung von Menschenleben; sie kommen an ihre Grenzen. In Dankbarkeit, um Kraft, um Durchhaltevermögen – darum bitten wir. 

    Familien sind nun gezwungen, in Geduld mehr Zeit als gewohnt miteinander zu verbringen; andere Menschen drohen zu vereinsamen. Um Kreativität, um innere Stärke – darum bitten wir. 

    Die Krise bedroht Arbeitsplätze und mühsam aufgebaute Existenzen. Dass der soziale Gedanke und die Sorge um Gerechtigkeit nicht verloren gehen in den zu befürchtenden Verteilungskämpfen – darum bitten wir. 

    Wir sehen auch die Widersprüche: Eine längst fällige menschliche Lösung für die Not der Geflüchteten auf den griechischen Inseln wird immer wieder aufgeschoben; Europa nimmt das unermessliche Leid von Kindern in Kauf. Dass in der Angst um uns selbst die Sorge um andere nicht verlorengeht – darum bitten wir. 

    Gott des Lebens, bewahre in uns die Menschlichkeit, die Zuversicht, Dein Wort und Dein Licht. Dann kann die Finsternis uns nicht überwältigen und wir gehen nicht in die Irre. Amen 

    Jutta Lehnert, Pastoralreferentin